07.12.2010 - DR Kongo

In Dingila breitet sich die Schlafkrankheit aus (2. Teil)

Gewisse Stimmen behaupten, auf dem afrikanischen Kontinent sei die Schlafkrankheit ausgerottet. Im Bezirk Bas-Uélé in der Provinz Orientale der Demokratischen Republik Kongo hat ein Team von MSF jedoch in zwei Monaten 216 Personen aufgespürt, die infiziert sind. Besonders betroffen ist der Ort Dingila am Rande des Bezirks Ango, der von der Baumwollproduktion lebt. Hier die Geschichte von Jean-Dedieu und wie er sich auf Schlafkrankheit hat testen lassen.
DRK November 2010
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Claude Mahoudeau arbeitet in der Kommunikationsabteilung von MSF Schweiz.

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DRK November 2010
DR Kongo: In Dingila breitet sich die Schlafkrankheit aus
02.12.2010
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Die Zeit vergeht und Jean-Dedieu setzt seinen Weg im Labyrinth der Früherkennung fort. Endlich kann er aufatmen: Dieudonné Gomete, der auf die Untersuchung der Trypanosomen spezialisiert ist, hat beim Abtasten seines Halses keine Lymphknötchen entdeckt. Diese wären typisch für ein fortgeschrittenes Stadium der Trypanosomiasis und würden darauf hinweisen, dass der Parasit bereits in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit vorhanden ist, was Stadium 2 der Krankheit bezeichnet. Nun folgen weitere spezialisierte Blutuntersuchungen, bei denen feine Röhrchen zentrifugiert und anschliessend unter dem Mikroskop untersucht werden.

Jean-Pierre Tshibangu ist Laborant und verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung der Schlafkrankheit. Seit fünf Jahren sucht er mit MSF verschiedene Orte in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) auf, wo er geboren ist. Er ist für die Organisation der Patienten verantwortlich. „Wir betreten nun den Behandlungsraum der Personen, die sich im ersten Stadium der Krankheit befinden. Bei ihnen haben die Trypanosomen das Nervensystem noch nicht angegriffen“, erklärt er, und öffnet die Tür des nahe gelegenen Pavillons für Patienten mit Afrikanischer Trypanosomiasis. Auf den Matten liegen ein gutes Dutzend Personen aller Altersklassen. Ruhig warten sie auf ihre tägliche Pentamidin-Injektion. „Die Patienten kommen während einer Woche jeden Tag ins Spital und müssen eine gute Stunde unter ärztlicher Aufsicht liegen bleiben.“

Jean-Dedieu wartet inzwischen alleine auf der Bank am Laborausgang. Er wirkt nachdenklich. Jean-Pierre setzt sich zu ihm und sie reden eine Weile. Er erklärt ihm, man müsse nun überprüfen, ob sich in seiner Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit Trypanosomen befinden. Jean-Dedieu versucht sich unter dem Vorwand einer Verabredung der Lumbalpunktion zu entziehen. Schliesslich lässt er sich aber doch überzeugen und folgt Jean-Pierre in den Behandlungsraum.

Ich nutze die Gelegenheit, um Josué aufzusuchen. Der medizinische Leiter von MSF betritt mit mir den zweiten Saal des Pavillons. Dort sind diejenigen Personen untergebracht, die sich erwiesenermassen im Stadium 2 der Krankheit befinden. „Wir wenden eine neue Behandlung - die NECT (Niflurtimox-Eflornitine combination therapy) - an. Diese dauert zehn Tage und erfordert umfassende medizinische Betreuung“, berichtet Josué. „Aufgrund der erfolgreichen passiven Früherkennung befinden sich bereits dreissig Personen auf unserer Warteliste. Sie können die Behandlung erst in zwanzig Tagen beginnen, da die Betten zurzeit belegt sind. Wir warten deshalb mit der aktiven Früherkennung und testen derzeit nur diejenigen Personen, die selber das Spital aufsuchen.“

Die aktive Früherkennung ist für unsere Trypanosomiasis-Projekte eine grosse Herausforderung, und gleichzeitig ist es die einzige Möglichkeit, die Übertragungskette der durch die Tse-Tse-Fliege verbreiteten Krankheit zu durchbrechen. In der Tat lassen sich angesteckte Personen nur auffinden, indem man die Bewohner im Urwald aufsucht. Dies gilt insbesondere für Gebiete, in denen die Bevölkerung vergessen hat, dass die Krankheit existiert. „Das trifft hier zu“, bestätigt Dr. Dominique Amisi, Chefarzt im Distrikt des Gesundheitsministeriums von Dingila. „Vor 1960 wurden hier Kampagnen durchgeführt, um die Kranken aufzuspüren; Die Ärzte suchten nach geschwollenen Lymphknoten. Wir befinden uns also sehr wohl in einem endemischen Gebiet, dies scheint aber in Vergessenheit geraten zu sein.“ Inzwischen glauben alle, dass die Bevölkerungsströme aufgrund von bewaffneten Gruppen weiter nördlich für die Rückkehr der Krankheit verantwortlich sind.

Als ich den Pavillon verlasse, sehe ich Jean-Dedieu nicht. Besorgt erkundige ich mich bei Jean-Pierre. Dieser führt mich umgehend zu ihm. Er muss nach der Lumbalpunktion eine gute Stunde ruhen und liegt mit anderen Patienten auf einer Matte beim Behandlungsraum. „Ich habe meinen letzten Test nicht bestanden“, erzählt er. „Man hat mir gesagt, dass ich mich in Stadium 1 der Krankheit befinde“, meint er halb scherzend. „Nun werde ich meine Schüler für eine Woche verlassen müssen. Doch das ist nicht zuviel, um mein Leben zu retten.“ In Dingila hat sich tatsächlich die Schlafkrankheit ausgebreitet.

Ein kurzer Überblick über die Aktivitäten von MSF zur Schlafkrankheit im Kongo

MSF leitet  zurzeit zwei Trypanosomiasis-Projekte in der Provinz Orientale in der DRK. In Dingila, dem ersten Projekt, scheint die Anzahl infizierter Personen viel höher zu sein als erwartet. Das zweite Projekt in Doruma erstreckt sich inzwischen auf Gebiete, die bis anhin nicht kontrolliert wurden. Seit Anfang Jahr wurden hier 390 Fälle von Afrikanischer Trypanosomiasis registriert.
Die Einsätze sind aufgrund  bewaffneter Gruppen stets gefährdet. Diese Unsicherheit und das äusserst schwache öffentliche Gesundheitswesen stellen die grössten Hindernisse für eine potenzielle Ausrottung der Schlafkrankheit dar.

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