18.04.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen:Recycling im Busch

Sonntagmorgens sind die Strassen in Dingila leer und die Kirchen voll. Religion scheint hier so selbstverständlich wie Essen und Trinken. Und wenn es nichts mehr zu essen gibt, dann wird immer noch gebetet. Die Ostermesse spielt sich ähnlich ab wie in der Schweiz. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie unter freiem Himmel stattfindet und der Pfarrer nicht durch die Messe führt, sondern tanzt. Eingereiht zwischen Tamtam und Ecodis – einer Holzkiste mit drei Saiten – erklingt meine Gitarre, die ich dem Pfarrer ausgeliehen habe. Inmitten der Menschenmenge erkenne ich Pierrette auf dem Arm ihrer Mutter. Die Kleine ist wohlauf und wird heute getauft.
Dingila, RD Congo, 08.04.2012
Dingila, RD Congo, 08.04.2012
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Ich verbringe die Woche in der Apotheke: das Inventar steht an. Ich zähle mich durch Abertausende von Medikamenten, Spritzen und Laborröhrchen. Eine staubige und monotone Angelegenheit, doch an Unterhaltung fehlt es mir nicht. Eine Henne betritt den Raum. Ich weiss, wonach sie sucht. Zwischen den Infusionsbestecken habe ich letztens ein Ei entdeckt. Mit einem Besen befördere ich das vorwitzige Tier wieder nach draussen. Dort wartet der nächste Besucher auf mich. Ein wildfremder Mann steht vor der Apotheke. Er möchte um meine Hand anhalten. Ich lehne ab. Er bedankt sich und geht seines Weges. Eine Uhr brauche hier keine. Wenn gegenüber die Trommelmusik losgeht, weiss ich, dass bald Feierabend ist.

Seit ich in Dingila angekommen bin, habe ich keinen Asphalt, keine Uhren und vor allem keinen Abfall mehr gesehen. Alles wird wieder verwendet. Die meisten Materialien stammen aus der Natur, und fliessen auch wieder in die Natur zurück. Die Schule braucht ein neues Klassenzimmer? Kein Problem. Der Lehrer geht mit den Kindern in den Wald. Jeder schnappt sich ein Bambusrohr und transportiert es auf dem Kopf in die Schule. Nach ein paar Stunden steht der neue Unterstand. Wenn es um Recycling geht, sind die Kongolesen äusserst einfallsreich. Alte Reifen dienen als Gummibänder, aus einer PET-Flasche entsteht ein Kinderspielzeug und ein Ast ersetzt die kaputte Fahrradachse.

Unser Team ist nun komplett. Eine Projektleiterin aus Frankreich, eine Ärztin aus Kalifornien, ein Logistiker und ein Administrator aus der Romandie, und ich, aus der Deutschschweiz. Zudem beschäftigen wir um die hundert kongolesischen Mitarbeiter. MSF leistet hier nicht nur medizinische Hilfe, sondern im weitesten Sinne auch wirtschaftliche Unterstützung für die Region. Denn jeder Angestellte versorgt zuhause um die zwanzig Personen. Auch der Markt wird durch unsere Präsenz angekurbelt. Unser Projekt braucht nicht nur menschliche, sondern auch materielle Ressourcen.

Diese Woche erreicht uns eine Schreckensmeldung aus dem Osten: zwei Mitarbeiter von MSF wurden im Kongo entführt und wieder freigelassen. Die traurige Realität eines zerrütteten Landes rückt wieder näher. Es ist eine kleine Minderheit, die hier Angst und Schrecken verbreitet. Die grosse Mehrheit strotzt vor Herzlichkeit. Doch diese erscheint nicht in den Medien.

Der Himmel über Dingila ist sternenklar. Nachts sinken die Temperaturen kaum unter dreissig Grad. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und lausche den nächtlichen Geräuschen. Die Laute wilder Tiere vermischen sich mit den Klageliedern einer Totenwache. Per Funkgerät verfolge ich die Bewegungen im Spital. Eine Patientin wurde soeben von einem Skorpion gestochen. Stimmt, die gibt es hier ja auch noch! Ich überprüfe sogleich, ob mein Moskitonetz auch keine unerwünschten Besucher zulässt. Irgendwann versinke ich in einen unruhigen Schlaf.

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