20.03.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Weltfrauentag auf Kongolesisch

„Mama yambí – willkommen daheim!“, ruft mir Willkommen entgegen, als ich in Dingila eintreffe. So fühlt es sich auch an – wie nach Hause kommen. Ich schwinge mich auf meinen Drahtesel und fahre ins Spital, um nach den Patienten zu sehen. Doch wo ist Pierrette? „Sie ist verlegt worden,“ beruhigt mich der Krankenpfleger. Auf dem Wochenbett finde ich sie wieder. Sie hat jetzt richtig viele Haare auf dem Kopf und trägt ein rotes Kleidchen mit weissen Tupfen. Wie ein kleiner Glückspilz. Magensonde und Sauerstoffbrille wurden entfernt, sie atmet ruhig und saugt eifrig an Mamas Brust. Gut gemacht, kleine Kämpferin!
Dingila , DR Kongo, 08.03.2012
Am 8. März ist Weltfrauentag. Ein Feiertag im Kongo – für die Frauen. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Unsere Abteilung für die Schlafkrankheit ist voll. Im ersten Saal liegen die Patienten auf Strohmatten auf dem Boden. Sie befinden sich im ersten Stadium der Krankheit: die Parasiten sind im Blut nachweisbar, doch es zeigen sich noch keine Symptome. Sie erhalten täglich eine intramuskuläre Injektion in den Gesässmuskel. Danach müssen sie eine Stunde liegen bleiben, da ein niedriger Blutdruck und eine Unterzuckerung zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören. „Sangonini?“, frage ich eine Patientin. „Ja, es geht,“ erwidert sie tapfer. Die Therapie dauert insgesamt acht Tage und ist sehr schmerzhaft. Danach sind die Parasiten in der Regel eliminiert.

Im zweiten Saal liegen die Patienten, die sich im zweiten Stadium befinden. Die Parasiten haben die Bluthirnschranke bereits überquert und es kommt zu neurologischen Symptomen. Die intravenöse Therapie dauert zwei Wochen und besteht aus zwölfstündlichen Infusionen, die zum Teil heftige Nebenwirkungen hervorrufen. Die Patienten müssen streng überwacht werden. Im letzten Bett sitzt eine hagere Frau. Ihr Blick ist apathisch, als gehöre sie nicht zu dieser Welt. Eine Familienangehörige flösst ihr ein Löffelchen Suppe ein. Sie kam zu spät zu uns, nachdem ein Naturheiler vergebens versucht hatte, ihr zu helfen. Die Krankheit ist bereits weit fortgeschritten und hat das zentrale Nervensystem erreicht. Mit der Therapie wird zwar die Krankheit aufgehalten, doch die neurologischen Schäden können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb ist die Sensibilisierung der Bevölkerung und eine frühzeitige Therapie so wichtig.

Am 8. März ist Weltfrauentag. Ein Feiertag im Kongo – für die Frauen. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ich wickle ein Tuch um meine Lenden, das speziell für diesen Anlass angefertigt wurde. Der Wächter lacht, als er mich sieht: „Du bist falsch gewickelt!“ Unsere Köchin eilt mir zu Hilfe und schnürt mich so fest ein, dass ich kaum mehr atmen kann. So muss es sein. Tausende Schaulustige haben sich versammelt, um den Umzug anzufeuern. MSF ist auch dabei. „Für einen besseren Zugang der Frauen zur Gesundheitsversorgung“, steht auf unserem Banner. Vor uns bereiten sich die Bäckerinnen von Dingila auf ihr Defilee vor. Dann sind wir dran. Im Gleichschritt mit den Haushälterinnen und Pflegefachfrauen setzen wir unsere Hüften in Bewegung. Die Menge jubelt. Am Abend folgt die Bestätigung am lokalen Radio. „Die weissen Frauen haben getanzt wie echte Kongolesinnen,“ berichtet der Moderator. Na also.

In der Nacht fegt ein heftiger Sturm über Dingila. Der Regen prasselt ans Fenster, der Wind zischt durch die Ritzen und der Donner ist so nah, dass mein Bett erzittert. Ein Ast des mächtigen Mangobaumes kracht in den Garten herunter. Am nächsten Morgen ist mein Zimmer unter Wasser. Mutter Natur freut sich über die Erfrischung und die Schweinchen quietschen vergnügt in den erdfarbenen Pfützen.

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