24.02.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Unterwegs im Busch

Wer nicht hören will, muss fühlen. Die erste Sandfliege hat sich in meiner Fusssohle eingenistet – hätte ich doch Socken getragen! Meine kongolesischen Mitarbeiter freuen sich darüber. Ich sei jetzt eine von ihnen, sagen sie, und ich hätte gutes Blut, sonst würden die Tierchen nicht an mir saugen. Also doch eine gute Nachricht. Mit Lanzette und Pinzette sind die Eier dann auch schnell entfernt. Alles halb so wild.
Dingila, DR Kongo, 12.02.2012
Die Arbeit im Spital ist anspruchsvoll. Schlangenbisse, akute Malaria und die Schlafkrankheit gehörten bis anhin nicht zu meinen Spezialgebieten.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Als Vegetarierin lässt es sich hier gut leben. Heute gab es Maniokblätter, Reis und Kürbiskernen-Bällchen – köstlich! Auch die Omeletts schmeckten bis anhin gut, bis mir unser Koch sein Geheimnis verriet: „Das sind Krokodileier,“ sagte er stolz. Seither bin ich nicht mehr so scharf auf unsere Eierspeisen. Es gibt täglich frische Früchte: kleine, süsse Bananen, riesige Ananas sowie Papayas und Avocados aus unserem Garten. Nur die Mangosaison lässt noch auf sich warten.

„Mundele!“, rufen mir die Kinder hinterher, wenn ich zur Arbeit radle. „M’bote mingi“, begrüsse ich sie auf Lingala, während sie meinem Fahrrad nachjagen. Ein Rennen, aus dem ich nicht immer als Gewinnerin hervorgehe. Spätestens wenn zehn Kinder am Gepäckträger hängen, muss ich anhalten. Dann werden Hände geschüttelt und Namen ausgetauscht. In Dingila leben zurzeit neun Mundeles – Weisse. Nebst MSF sind noch zwei weitere Hilfsorganisationen vor Ort. Oft werde ich von wildfremden Menschen mit Vornamen angesprochen. Man kennt uns. 

Die Arbeit im Spital ist anspruchsvoll. Schlangenbisse, akute Malaria und die Schlafkrankheit gehörten bis anhin nicht zu meinen Spezialgebieten. So lerne ich jeden Tag dazu. Es ist ein spannender Austausch, der hier stattfindet. MSF bringt Hygiene, Logistik und medizinisches Wissen in die Projekte. Die Einheimischen zeigen uns, wie man aus wenig viel macht. Wenn es keine Abschnürbinde gibt, nimmt man halt ein Infusionsbesteck, um die Vene abzuschnüren. Die Kongolesen sind nicht nur äusserst einfallsreich, sondern auch unglaublich optimistisch, egal wie misslich die Lage aussieht. „Ca va aller,“ pflegen sie zu sagen – es wird schon gehen. 

Unsere Sensibilisierungskampagne hat heute begonnen. Beladen mit Stromgenerator und Projektor fahren wir per Jeep und Motorrad durchs grüne Dickicht, um eine Siedlung ausserhalb von Dingila zu erschliessen. Über eine Stunde dauert die holprige Fahrt. Die Strassengräben sind zum Teil so tief, dass unser Fahrzeug droht zu kippen. Am Zielort werden wir bereits erwartet. Per Megaphon werden die Dorfbewohner zusammengetrommelt, mit Stühlen und Matten eilen sie herbei, um mehr über die Schlafkrankheit zu erfahren. Über hundert Augenpaare schauen gebannt zu, als der Aufklärungsfilm über das aufgespannte Leintuch flimmert. Ein Ereignis sondergleichen an einem Ort, wo es keine Elektrizität, geschweige denn Kinos gibt. Nächste Woche kommen wir wieder, um die Bewohner auf die Schlafkrankheit zu testen.

Es ist schon dunkel, als sich unser Team auf den Heimweg macht. Hin und wieder sieht man am Wegrand ein Feuerchen flackern. In der Ferne hören wir Trauergesänge. Ein junger Mann sei heute gestorben, weiss unser Fahrer zu berichten, aufgrund einer Überdosis indigener Heilmittel. Das sei hier keine Seltenheit. Er hinterlasse eine Frau und sechs Kinder. Müde und betroffen fahren wir weiter. Irgendwann verlieren sich die Klagelaute in der Nacht.

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