02.03.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Suissesse im Kongo

Es sind die Sonnenuntergänge, die mir den Atem rauben, die Tropenstürme, die mich Ehrfurcht lehren, und die lachenden Gesichter, die mir jeden Tag das Herz öffnen. Egal wie ich morgens erwache.
Dingila, DR Kongo, 19.02.2012
Die ersten Kongolesinnen machen sich auf den Weg zum Fluss, um Kleider zu waschen. Gekonnt balancieren sie ihre Körbe auf dem Kopf.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Spätestens nach dem ersten „Guten Morgen, gut aufgestanden?“, ist der Tag gerettet. Ich hatte nicht erwartet, mitten im gefürchteten Kongo ein kleines Paradies zu finden.

Heute gehe ich joggen. Nachbars Schweinchen rennen quiekend in alle Richtungen, als sie mich kommen sehen. Die ersten Kongolesinnen machen sich auf den Weg zum Fluss, um Kleider zu waschen. Gekonnt balancieren sie ihre Körbe auf dem Kopf. Ich erstarre. Ein Rudel wilder Hunde sitzt auf der Strasse. Ich weiss nicht, wer mehr Angst hat – ich oder sie. Zum Glück bin ich gegen Tollwut geimpft, denke ich, und gehe langsam an ihnen vorbei.

Ein älterer Mann spricht mich an. „Vous êtes Suissesse?“, fragt er mich. „Ja, ich komme aus der Schweiz“, antworte ich, was ihn sehr zu freuen scheint. Wir unterhalten uns eine Weile. Er habe schon viel über die Schweiz gehört. Die Gesundheitsversorgung bei uns sei so gut, dass man geheilt ist, bevor man überhaupt behandelt wird. Eine originelle Art, unser erstklassiges Gesundheitssystem zu beschreiben. Im Kongo wird lediglich ein kleiner Prozentsatz der Staatsgelder ins Gesundheitswesen investiert. Und soweit ich die Lage beurteilen kann, fliesst nicht viel davon nach Dingila. Deshalb ist MSF hier.

Diese Woche halten uns die Neugeborenen auf Trab. Pierrette, die kleine Frühgeborene, musste zweimal reanimiert werden. Inzwischen strampelt sie wieder mit den Beinchen, als ob nichts gewesen wäre. Während unserer Teamsitzung wird uns ein Neugeborenes gebracht. Über zehn Kilometer hat der Vater zurückgelegt, um sie auf unseren Notfall zu bringen. Im Untersuchungszimmer herrscht helle Aufregung: die Kleine hat nur ein Nasenloch und atmet lediglich durch den Mund. Sie kann deshalb nicht gestillt werden. Wir versorgen sie mit Sauerstoff und legen sie in eines der Betten. Neben ihr liegt bereits ein mangelernährtes Baby mit einer Lippenspalte dritten Grades. Aufgrund der Öffnung zwischen Mund und Nase kann sie nicht an Mamas Brust saugen. Sie wird per Magensonde ernährt. Ich habe im chirurgischen Projekt von MSF im Kongo nachgefragt, ob die Fehlbildungen chirurgisch korrigiert werden können. Die Antwort steht noch aus.

Samstag ist Markttag in Dingila. Frischer Fisch, Maniok und Erdnusspaste werden in Strohkörben feilgeboten. Zwischen Macheten und Regenschirmen sind Hautaufhellungsprodukte und Seifen fein säuberlich aufgestapelt. Auf einem Holzregal steht mit schwarzer Farbe „Tankstelle“ geschrieben. Darauf stehen ein paar Kanister Benzin und ein Trichter zum tanken. Ich mache mich auf die Suche nach einer Papaya. Schon bald werden mir ein paar Prachtexemplare angeboten und wir einigen uns auf einen Preis. Dingila ist ein teures Pflaster. Die Ware muss per Fahrrad oder Motorrad kilometerweit durch den Busch transportiert werden. Nebst Zitronen, Kerzen und Räucherstäbchen habe ich auch einen farbigen Regenschirm ergattert. Auf dem Heimweg tue ich es den Kongolesinnen gleich und spanne ihn auf, um mich vor der gleissenden Sonne zu schützen.

Eine Öllampe flackert im Wind. Nachbars Schwein grunzt zufrieden, ich habe ihm meine Papayareste hinterlassen. In der Ferne hört man Kinder singen.

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