13.02.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Startklar

Was mich dazu bewogen hat, einen tollen Job, eine wunderschöne Wohnung und mein soziales Umfeld aufzugeben, um in einem Land zu arbeiten, wo Tsetsefliegen und Rebellengruppen zu den täglichen Gefahren gehören?
Genf, 18.02.2012
Ob ich mich freue? Und wie! Ich freue mich auf die tropische Wärme und darauf, meinem Schweizer Mikrokosmos zu entschlüpfen.
Wo ist das?
DR Kongo
Dieser Inhalt ist...
Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Am ehesten ist es der Wunsch, Teil eines grossen Ganzen zu sein. Teil einer Organisation, die keinem System angehört, die eigenständig ist und die unabhängig von wirtschaftlichen, politischen oder religiösen Vorgaben agiert. Das ist für mich MSF. Zudem hatte ich fast keine Wahl: Wenn man lange genug in den Büros von MSF arbeitet und tagtäglich Berichte aus den Einsatzgebieten übersetzt, reisst es einen irgendwann aus dem Sessel, und man will selber hin.

Als ich vor einem Monat erfuhr, dass ich in einem medizinischen Projekt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) arbeiten würde, war ich nicht nur erfreut. Ich war zwar erleichtert, dass ich nicht in die kirgisische Kälte entsendet wurde, doch über die DRK hatte ich bisher nicht viel Positives gehört; dass das Land eine traurige, von Gewalt geprägte Vergangenheit hat, ist allgemein bekannt. Im Wohlstandsindex der Welt belegt die DRK den letzten Rang. Gleichzeitig ist es ein wunderschönes, ressourcenreiches Land; weite Teile des Kongos sind von unberührtem Regenwald bedeckt und die Artenvielfalt soll überwältigend sein. Der Kongo gilt nicht nur als Herz Afrikas, sondern fungiert im wahren Sinne des Wortes als Lunge des Kontinents.

Ich werde in einem Projekt arbeiten, das sich für die Prävention und die Behandlung der Schlafkrankheit einsetzt, einer parasitären Krankheit, die von der Tsetsefliege übertragen wird und die unbehandelt zum Tod führt. Millionen von Menschen in Zentralafrika sind davon betroffen – und Millionen sind bereits daran gestorben. Doch die Forschung ist kaum daran interessiert, bessere und effizientere Therapien zu entwickeln, denn damit lassen sich eben keine Millionen verdienen.

Wenn mir etwas Sorgen bereitet, so sind es nicht die Rebellen, die im Urwald ihr Unwesen treiben. Es sind vielmehr die kleinen, Blut saugenden Insekten: Moskitos, Tsetsefliegen und Co. Stets muss man vor ihnen auf der Hut sein, unter Moskitonetzen schlafen, sich mit Mückenschutzmittel einreiben, täglich Malariatabletten schlucken, sich nicht in der Nähe von Gewässern aufhalten und den Körper mit langer, heller Kleidung bedecken. Denn die Tsetses stehen offenbar auf Schwarz und Blau und stechen am liebsten am helllichten Tag, während die Moskitos vorwiegend zwischen Abend- und Morgendämmerung aktiv sind. Das kann ja heiter werden!

Ob ich mich freue? Und wie! Ich freue mich auf die tropische Wärme und darauf, meinem Schweizer Mikrokosmos zu entschlüpfen, um in einem fremden Mikrokosmos wieder einzutauchen. Und ich freue mich, mit einem bunt durchmischten internationalen Team zu leben und zu arbeiten, dessen einzige Gemeinsamkeit das Beherrschen der französischen Sprache ist. Eine Mischung aus Big Brother und Dschungelcamp also, mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass MSF nicht im Kongo ist, um Leute zu unterhalten, sondern um Leben zu retten.

Ich bin jedenfalls bereit: Die Zügelkisten sind verstaut, die Post umgeleitet, der Rucksack gepackt, die Impfungen intus, die Nebenwirkungen ausgeschwitzt, das letzte Schaumbad genossen, die letzten Abschiedstränen vergossen. Kwaheere Schweiz – auf Wiedersehen – im Sommer bin ich wieder da, versprochen.

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