03.04.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Musik ohne Grenzen

Ich weiss nicht, wer mehr Haare an den Beinen hat – ich oder die dicke Spinne auf der Badezimmerkachel. Auch die Hornhaut an meinen Füssen wird immer dicker. Schönheitspflege gehört auf einem Einsatz im Kongo definitiv nicht zu den Prioritäten. Auch die Kleider leiden unter den rauen Lebensbedingungen. Meine Hose ist unter den täglichen Strapazen gerissen. Ich mache mich auf die Suche nach einem Schneider.
Dingila, DR Kongo, 25.03.2012
Diese Woche organisiere ich im Spital eine Schulung zum Thema Notfallpflege und Reanimation.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Ein schmaler Weg führt mich vorbei an Termitenhügeln, Bambusgewächsen und prächtigen Blütenpflanzen. Irgendwann erreiche ich eine kleine Lichtung. Dort sitzt der Schneider unter einem Strohdach. Per Fusspedal betätigt er eine uralte Bernina-Nähmaschine. „Früher,“ erzählt er, „zur Zeit der Baumwollindustrie, gab es hier noch Elektrizität.“ Dann seien die Rebellen gekommen und hätten alles zerstört. Seither benutzt er das Fusspedal, das er eigenhändig installiert hat. Ein kleines Mädchen rennt aus der Lehmhütte und streckt mir ihre blonde Barbie-Puppe entgegen. „Mundele,“ sagt sie und zeigt auf meine Haut. Ja, die Puppe hat dieselbe Hautfarbe wie ich. Wo sie die wohl her hat?

Diese Woche organisiere ich im Spital eine Schulung zum Thema Notfallpflege und Reanimation. Oft werden uns die Patienten aus anderen Abteilungen zu spät auf den Notfall gebracht. Das soll in Zukunft vermieden werden. Das Thema scheint zu interessieren, die Holzbänke im Saal füllen sich rasch. Nebst dem Spitalpersonal sind auch die Schülerinnen der Pflegefachschule von Dingila anwesend. Konform den Spitalrichtlinien tragen sie eine weisse Haube auf dem Kopf – wie früher die Krankenschwestern in der Schweiz. Für einmal findet die Ausbildung nicht vor Wandtafel und Kreide, sondern mit Videoprojektor und Powerpointpräsentation statt. Eine willkommene Abwechslung, wie mir scheint. Gespannt schauen die Anwesenden auf die Leinwand. Die Aus- und Weiterbildung des einheimischen Personals gehört zu den Kernelementen der MSF-Projekte. Denn jeder Einsatz geht irgendwann zu Ende. Was bleibt, ist das erworbene Wissen.

Die Mangosaison hat begonnen. Mit Steinen und Stöcken versuchen die Kinder die reifen Früchte von den Ästen zu werfen. Manche von ihnen klettern auf die Bäume, was nicht immer gut ausgeht. Auf unserer Notfallstation liegt zurzeit ein kleines Mädchen mit einer offenen Humerusfraktur. Die Wunde ist stark entzündet und muss dringend chirurgisch versorgt werden. Nächste Woche wird sie per Flugzeug nach Dungu verlegt, wo MSF ein chirurgisches Projekt führt. Gleichzeitig erwarten wir in Dingila zwei Kinder aus Dungu, die an der Schlafkrankheit leiden. Die beiden Projekte ergänzen sich optimal.

Abends setze ich mich zu den Wächtern in den Garten. Sie bringen mir Lingala bei und wir spielen Gitarre. Ein kongolesisches Lied habe ich bereits gelernt. Die Akkorde kannte ich schon, nur die Rhythmen sind noch gewöhnungsbedürftig. Fröhlich sind sie allemal. Die Kongolesen lieben die Musik. Beim Anblick meiner Gitarre kriegen sie feuchte Augen. Viele von ihnen spielen ein Instrument, doch diese sind hier Mangelware. Zum Teil wurden sie im Krieg zerstört oder mussten auf der Flucht zurückgelassen werden. Falls es so etwas wie „Musik ohne Grenzen“ gibt, die gebrauchte Instrumente in armen Ländern verteilen –
hier würden sie Freudentänze auslösen. Auch der Pfarrer von Dingila hat mich schon gefragt, ob er an Ostern meine Gitarre ausleihen könnte, für die Spezialmesse. „Gerne“, habe ich geantwortet, „solange ich einen Platz in der ersten Reihe kriege!“

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