27.02.2012 - DR Kongo

Im Land der Tsetse-Fliegen: Die Quelle des Lebens

19. Februar 2012 - Heute sind es die Schwalben, die mich aus dem Schlaf zwitschern. Sie haben sich unseren Balkon ausgesucht, um ihre Jungen grosszuziehen.
Dingila, DR Kongo, 19.02.2012
Ob ich Verlangen habe nach der Quelle, fragt mich unser Fahrer. „Ja, ich möchte die Quelle des Lebens sehen“, antworte ich.
Wo ist das?
DR Kongo
Dieser Inhalt ist...
Der Autor / Die Autorin
Irene Mazza

Ihr erster Einsatz mit MSF führt Irene Mazza nach Dingila, eine kleine, kaum zugängliche Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), die von der Schlafkrankheit betroffen ist. Die gelernte Pflegefachfrau aus Biel arbeitete zunächst als Übersetzerin und Editorin am Hauptsitz von MSF Schweiz, wollte dann aber die Feldarbeit am eigenen Leib erfahren.

Über fünfzig Vogelnester habe ich unter dem Vordach gezählt. Es ist sieben Uhr früh. Eine giftgrüne Fliege klebt an meinem Moskitonetz. Schlaftrunken krieche ich aus dem Bett.

Ob ich Verlangen habe nach der Quelle, fragt mich unser Fahrer. „Ja, ich möchte die Quelle des Lebens sehen“, antworte ich. Er lacht und wir machen uns auf den Weg in den Dschungel. In Dingila gibt es kein fliessendes Wasser. Zweimal täglich wird das kostbare Gut an der Quelle geholt, um die MSF-Gebäude sowie das Spital mit Wasser zu versorgen. Ob ich Geschwister habe, fragt mich der Fahrer unterwegs. Ich erzähle ihm von meiner Schwester. „Nur eine Schwester?“, erwidert er ungläubig. Er habe 22 Kinder mit drei verschiedenen Frauen, erzählt er. Er selber sei Nummer 41 von 92 Kindern. Sein Vater sei 90 Jahre alt und kerngesund. Jetzt bin ich es, die grosse Augen macht. Dass er gerne Kinder hat, glaube ich ihm aufs Wort.

Heute organisiert MSF im Spital von Dingila eine Versammlung zum Thema Blutbank. Nebst den verschiedenen Gemeindevertretern und Kirchenoberhäuptern sind auch Angehörige des Kongolesischen Roten Kreuz anwesend. Da wir auf unserer Notfallstation immer wieder Malariapatienten pflegen, die an akuter Anämie leiden, sind wir auf frische Blutkonserven angewiesen. In den letzten Monaten wurde die Bevölkerung von Dingila für die freiwillige Blutspende sensibilisiert. Nun geht es darum, die Schwierigkeiten zu erörtern. Einige Bewohner haben Angst, sie könnten nach einer Blutspende erkranken. Andere glauben, ihr Blut werde verkauft, so wie früher Sklaven an die Weissen verkauft wurden. Die Stimmung im Saal ist angenehm. Jeder Redner wird angehört, niemand wird unterbrochen. Nach zwei Stunden Diskussion setzt der Bürgermeister von Dingila zur Schlussrede an. „Blut ist nicht käuflich. Das Leben ist unbezahlbar“, beendet er die Sitzung. Und wir wissen, dass er recht hat.

Danach besuche ich Pierrette, unsere Frühgeborene, im Isolationszimmer. Sie kam vor zwei Wochen zur Welt – zwei Monate zu früh. Ihre Mutter wirkt heute zufrieden. Die Kleine verträgt die Muttermilch gut, die wir ihr per Magensonde geben. Ein gutes Zeichen. Pierrette liegt warm eingepackt auf dem Bett. Auf dem Kopf trägt sie eine Wollmütze, die viel zu gross ist für solch ein zartes Wesen. Neben ihr liegt eine dicke Bibel. Der Buchrücken ist zerfetzt, die Seiten vergilbt. Ob sie zur Kirche geht, frage ich die Mutter. Sie nickt, aber seit die Kleine geboren ist, sei sie nicht mehr hingegangen. Sie soll trotzdem singen, sage ich ihr, für Pierrette. Sie lacht – ja, das werde sie tun.

Nach einer strengen Arbeitswoche trifft man sich am Wochenende auf dem Dorfplatz zum Volleyballspiel. Ob Wächter, Logistiker oder Arzt, auf dem Spielfeld sind alle gleich. Selbst der Spitaldirektor stand schon im Gegnerfeld. Obwohl ich kaum Lingala verstehe, weiss ich genau, was abgeht. Freude und Ärger kennen keine Sprachgrenzen. Schade nur, dass nebst mir keine Frauen mitspielen. Frauensport scheint nicht in der kongolesischen Kultur verankert zu sein.

Der Himmel verdunkelt sich. Hoch über unseren Köpfen kreist ein Schwarm Greifvögel. Ein Gewitter zieht auf.

Publizieren
Newsletter
Newsletter abonnieren
Immer informiert bleiben

abonnieren