Im Land der Tsetse-Fliegen: Der Alltag beginnt
Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, Trommelschläge. Ein neuer Tag beginnt. Wer nicht schon vom krähenden Hahn geweckt wurde, wird spätestens beim Einsetzen der Stromgeneratoren aus dem Schlaf gerissen.

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Die ersten Dingilaner machen sich auf den Weg in den Urwald. Mit leeren Kanistern und Körben ziehen sie los, die Machete oder Axt zur Hand, um Stunden später mit Quellwasser, Feuerholz oder Palmblättern zurückzukehren. An guten Tagen sind auch erjagte Beuten zu sehen, wie etwa Antilopen, Affen oder andere erlegte Tiere.
Ich bin bis jetzt noch keinen Tsetsefliegen begegnet, dafür zahlreichen anderen Insekten. Am schlimmsten sind die unsichtbaren Tierchen, wie etwa die Sandfliege. Wie der Name schon sagt, hält sie sich im Staub auf und legt ihre Eier unter die Zehenhaut. Man sollte deshalb immer Socken tragen – und das bei 35 Grad Celsius! Oder die Kleiderlaus, die parasitäre Krankheiten überträgt und wahnsinnig juckt. Meine Kleider werden daher nicht nur täglich gewaschen, sondern auch gebügelt. Welch ein Luxus!
Nach einem kurzen Frühstück – in der Regel Brot aus dem Lehmofen, Porridge oder frische Früchte – bin ich startbereit. Bewaffnet mit Funkgerät und Fahrrad nehme ich den Arbeitstag in Angriff. Nach einer Woche Einführung weiss ich ungefähr, womit ich die nächsten sechs Monate verbringen werde. Als Pflegefachfrau bin ich verantwortlich für das Führen der Apotheke sowie für die Pflegequalität in unseren Projekten. Im Spital von Dingila leiten wir zurzeit eine Notfallstation mit sechs Betten sowie eine Abteilung für die Schlafkrankheit mit 30 Betten.
Als erstes fahre ich in die Apotheke: ein riesiges Lager voller Medikamente und medizinischer Ausrüstung. Tonnenweise Material wird wöchentlich per Kleinflugzeug zwischen den verschiedenen Standorten von MSF im Kongo verschickt. Eine logistische wie auch persönliche Herausforderung, zumal ich noch nie eine Apotheke geführt habe. Wenn alle Bestellungen und Lieferungen erledigt sind, fahre ich staubbedeckt und schweissgebadet weiter in die Notaufnahme, die MSF im Spital von Dingila eingerichtet hat.
Die sechs Notfallbetten sind oft belegt, nicht selten liegen zwei Patienten in einem Bett. In unserem Isolationszimmer liegt zurzeit ein Frühgeborenes. Das kleine Mädchen kam mit einem Geburtsgewicht von 1000g zur Welt. Es hat die ersten sieben Tage, die als kritisch gelten, bereits überstanden. Da es hier keinen Brutkasten gibt, versorgen wir die Kleine mit der sogenannten Känguru-Methode – warm eingepackt auf Mamas Brust. So kann einer Unterkühlung vorgebeugt werden.
Was mir bei den Kongolesen besonders auffällt, ist ihre Liebenswürdigkeit und der Respekt, mit dem sie einander begegnen. Und sie sind wunderbare Tänzer. Wenn Palmwein aus den Kanistern fliesst und Musik aus den Verstärkern dröhnt, sind sie nicht mehr zu halten. Zudem tragen sie ungewöhnliche Namen wie etwa „Von Gott gegeben“ oder „Dank sei Gott“. Eine lustige Begegnung hatte ich mit einem unserer Wächter. „Willkommen“, rief er mir bei meiner Ankunft entgegen. „Danke, wie heisst du?“, fragte ich ihn. „Willkommen“, wiederholte er. Nach einigen Durchgängen begriff ich, dass er tatsächlich „Willkommen“ heisst.
Es ist Trockenzeit. Der erste Sandsturm liess nicht lange auf sich warten und riss alles mit sich, was nicht niet- und nagelfest war. Auch meine Fensterläden wurden davon getragen – vom Winde verweht, sozusagen.
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Der Himmel errötet. Die Generatoren verstummen. Was bleibt, ist schwarze Nacht.



