26.09.2011 - DR Kongo

Briefe aus Gety: MSF – gewappnet für den Notfall (III)

Myriam Schmid verbrachte acht Monate in Gety, im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Sie war für MSF im Bereich Administration tätig. Seit zwei Jahren kommt die medizinische Organisation dort den Vertriebenen der Region zu Hilfe.
Gety, DR Kongo, 17.08.2006
Trotzdem bleibt mir von der Zeit in Gety vor allem die Hoffnung und das Lächeln in Erinnerung.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Myrima Schmid

Myriam Schmid verbrachte acht Monate in Gety, im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Sie war für MSF im Bereich Administration tätig.

Die zahlreichen Notfälle: Das waren die Momente, in denen ich die unglaubliche Effizienz von MSF in Echtzeit miterleben konnte. Die Vertrauenswürdigkeit und die Schnelligkeit unserer Informationsquellen erlauben uns, schnell zu handeln und den Vertriebenen zu helfen, die nach der Flucht vor Gefechten auf sich selber gestellt sind. Dazu trägt auch die hohe Flexibilität unserer Teams bei, die ihre Planung laufend anpassen, um zu Notfällen – manchmal auch auf unbekanntes Gelände – ausrücken zu können. Ebenso die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen den logistischen, medizinischen und administrativen Teams. Diese sind entscheidend, wenn jede Minute zählt und es gilt, rasch ein medizinisches Notfalllager aufzubauen und die dringendsten Bedürfnisse der Menschen abzudecken. Weil die Vertriebenen manchmal zu Tausenden kommen, müssen Dutzende weitere Helfer vor Ort tageweise eingestellt werden, da unser Team eine bescheidene Grösse aufweist.

Die acht internationalen MSF-Mitarbeiter in Gety und die Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft unserer lokalen Angestellten haben mir gezeigt, welch hervorragende Arbeit MSF gerade im Notfall zu leisten imstande ist. Im August 2010 galt es, in Aveba 1'000 erschöpfte Vertriebene zu versorgen. In weniger als einer Stunde hatten wir unsere Infrastruktur soweit eingerichtet, dass die Standard-Massnahmen von MSF durchgeführt werden konnten: Anmeldung, Wiegen, Impfung, Identifikation von Opfern sexueller Gewalt, Beratung, Schnelltest zur Erkennung von Malaria, Erfassen der Fälle und Verlegung von Patienten in das Spital von Gety, wenn umfassendere Behandlung erforderlich war. Der erste Tag war hart, doch der Nothilfe-Einsatz dauerte eine Woche und wir mussten der Belastung standhalten. Es gab immer wieder schwierige Momente angesichts solch menschlichen Elends. Dieses Leiden wird für mich in einem Bündel Habseligkeiten versinnbildlicht, in denen ein ganzes Leben Platz hat. Es wird auf dem Kopf getragen, mit aufrechtem Gang, als ob dadurch die Angst dieser Männer und Frauen vermindert würde, nirgendwo hin gehen zu können und keine Zukunftsperspektiven zu haben.

Hoffnung und Lächeln

Trotzdem bleibt mir von der Zeit in Gety vor allem die Hoffnung und das Lächeln in Erinnerung. Jeden Tag empfing ich mindestens 45 Mal ein Lächeln, angefangen beim Wecken der lokalen Angestellten im Lager, von denen die meisten ursprünglich aus Gety stammten. Im Büro und auf dem Feld war ich immer wieder erstaunt über das Niveau an Kultur und Bildung, das man in einem solch entlegenen Winkel wie diesem antrifft. Ich vergesse häufig, woher meine Kollegen kommen, wie sie leben und was sie durchgemacht haben. Keine Zeitung, kein Internet, nicht mal ein Telefonanschluss haben sie hier, und dennoch sind sie so aufgeschlossen.

In Gety rücken zwei Welten zusammen und verschmelzen beinahe zu einer einzigen. Der unglaublich grosse Schmerz nimmt hier gleich viel Platz ein wie ein improvisiertes Fest unter Freunden. Ich werde nie mehr das verrückte wie auch schreckliche Ereignis vergessen, als das MSF-Fahrzeug einmal spätabends bei einer Familie den Körper des kleinen Nachzüglers niederlegte, der nach der Verlegung ins Spital verstorben war. In der Nacht hörte man das herzzerreissende, einsame Weinen der Mutter, vermischt mit der Musik aus dem Lager der lokalen Mitarbeiter. Nur ein Muzungu (der Weisse; das schreien die Kinder in Gety den weissen Ausländern in den Strassen des Dorfes zu) wundert sich über diese Realität; hier geht das Leben einfach weiter. 

Das Leben in Gety ist intensiv, zweifellos. In einem Leben, das von Tag zu Tag gelebt wird, in dem Angriffe der Milizen, Demütigungen und Machtmissbrauch durch Soldaten der Regierungsarmee an der Tagesordnung sind, erheben die Kongolesen von Ituri ihren Humor, ihren schlichten Wunsch, einfach weiterzumachen, mit ihrem Leitmotiv: Carpe Diem. 

Gety ist so intensiv, dass es das Leben auf den Kopf stellt. Das einzige was mir bleibt, ist die Gewissheit, eine komplett neue Welt kennen gelernt und dadurch meinen Horizont erweitert zu haben.

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