26.09.2011 - DR Kongo

Briefe aus Gety: Mangelernährung und sexuelle Gewalt (II)

Myriam Schmid verbrachte acht Monate in Gety, im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Sie war für MSF im Bereich Administration tätig. Seit zwei Jahren kommt die medizinische Organisation dort den Vertriebenen der Region zu Hilfe.
Gety, DR Kongo, 07.07.2006
Man sieht diesen Kindern die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, wenn sie manchmal minutenlang teilnahmslos ins Leere schauen.
Wo ist das?
DR Kongo
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Der Autor / Die Autorin
Myrima Schmid

Myriam Schmid verbrachte acht Monate in Gety, im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Sie war für MSF im Bereich Administration tätig.

Das therapeutische Ernährungszentrum ist fast immer voll, obschon es in einer fruchtbaren Gegend liegt, in der Obst und Gemüse prächtig gedeihen. Ein Grund für die herrschende Mangelernährung und den Hunger ist die Tatsache, dass Milizsoldaten immer wieder mitsamt ihren Grossfamilien von der Armee in die Wälder zurückgedrängt werden, wo Nahrung bald knapp wird. Manchmal dauert es mehrere Monate, bis ein humanitärer Korridor den Zugang zu diesen Menschen ermöglicht. 

Schon mehrmals hat sich MSF – an der Seite von verschiedenen zivilen Akteuren – für die Errichtung dieser humanitären Korridore in der Gety-Zone eingesetzt, um so schnell wie möglich mangelernährte Kinder versorgen zu können. Oft sind sie in einem derart desolaten Zustand, dass ein mehrwöchiger Aufenthalt im therapeutischen Ernährungszentrum notwendig ist. Der Nahrungsmangel hat nicht nur ernsthafte Krankheiten, sondern auch Entwicklungsstörungen zur Folge.

Man sieht diesen Kindern die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, wenn sie manchmal minutenlang teilnahmslos ins Leere schauen. Ich denke oft, dass sie mit diesem Verhalten versuchen, ihrer Situation zu trotzen. Die Welt hat sie allein gelassen, hat sich sozusagen aus ihrem Leben zurückgezogen – deshalb ziehen auch sie sich zwischendurch von der Welt zurück. Mehrmals bin ich im therapeutischen Ernährungszentrum Kindern begegnet, die mich nicht zu sehen schienen. Vielleicht ist es ihre Art, ihre Würde zu bewahren. Oft wünschte ich mir nichts sehnlicher als einen Zauberstab. Wie an keinem anderen Ort zuvor begriff ich, dass die unverdrossene Fröhlichkeit der Kongolesen nicht wirklich mit Glück zu tun hat, sondern vielmehr eine Überlebensstrategie ist. Wahrscheinlich lässt sich mit Verzweiflung besser umgehen, wenn man darüber lacht.

Kein Nachlassen der sexuellen Gewalt

Die Betreuung von Opfern sexueller Gewalt ist ein Hauptanliegen von MSF im Rahmen des Gety-Einsatzes. Die Zahl der Opfer hat sich auch seit Ende des Konflikts kaum verringert, und die Gewalttaten haben gravierende Folgen für die Gesundheit der jungen Frauen in Ituri. So führen die Übergriffe in vielen Fällen zu sexuell übertragbaren Krankheiten und anderen Infektionen sowie zu unerwünschten Schwangerschaften.

MSF musste die traurige Feststellung machen, dass anders als vor drei Jahren, als die meisten Angriffe von Armeeangehörigen verübt wurden, heute meistens Zivilisten die Täter sind. Oft bleiben die Verbrechen unbestraft. Zudem haben die Korruption der Beamten sowie der allgemeine Wertezerfall, der sich in Ituri nach Jahren voller Gewalt und Konflikte eingestellt hat, dazu geführt, dass diese Gewalttaten im Osten der DRK zunehmend verharmlost, die Täter gar dazu animiert werden.

Unsere Hilfeleistung umfasst nebst der medizinischen Versorgung – insbesondere im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren Krankheiten – auch kostenlose psychologische Betreuung auf vertraulicher Basis. Dies nicht nur unmittelbar nach dem Übergriff, sondern auch langfristig im Spital von Gety und in den vier Gesundheitszentren. Die Betreuung der Opfer, die sowohl medizinische wie auch psychologische Aspekte miteinbezieht, wird von speziell ausgebildeten kongolesischen Pflegefachfrauen durchgeführt.

Bei der Ausführung dieser Tätigkeit wird MSF mitunter vor schier unüberwindbare Herausforderungen gestellt: In diesen kleinen und isolierten Dörfern in der Gety-Region, wo sich Gerüchte in Windeseile verbreiten und mehr Gewicht haben als Radio oder Internet, bedarf es grösster Anstrengungen, damit die Hilfe überhaupt am richtigen Ort ankommt. Zunächst müssen die Opfer sexueller Gewalt inmitten der grossen Anzahl von Vertriebenen ermittelt werden, dann muss man sie davon überzeugen, Unterstützung anzunehmen und ihnen schliesslich absolute Vertraulichkeit garantieren.

Die Zahl der Opfer sexueller Gewalt, die bei MSF in Behandlung sind, beläuft sich auf ungefähr 15 Frauen pro Monat. Dies sind mehr als noch vor zwei Jahren – für uns Grund genug, unsere Projekte weiterzuführen.

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