09.09.2005 - Äthiopien

Tagebuch: Notfalleinsatz in Äthiopien - 3. Tag

Freitag, 9. September
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
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Nach erneut ergiebigen Regenfällen in der Nacht macht sich das Team ins Dorf Shanibara auf. MSF war schon mehrmals hier und hat bei zahlreichen Personen Malaria-Symptome festgestellt. Dr. Helmy stellt einen Funkkontakt zum zweiten Team her, welches sich heute ins Nachbardorf Geesa begibt.

Autos scheinen in dieser Gegend etwas völlig Neues zu sein - erst recht, wenn sie "Faranjis" - Fremde - transportieren. Die Kinder schreien und singen vor Freude, als sie uns auf dem Hügel erblicken, und die Erwachsenen reagieren mit einem freundlichen Lächeln auf die Begrüssung von Dr. Helmy - "Asham, Salaam?Asham, Asham".
    
In diesem Dorf gibt es nicht einmal einen Gesundheitsposten. Wir spannen ein Leintuch zwischen einem Baum und unserem Auto auf und stellen unsere Tische und Stühle darunter. Dr. Helmy bittet den Dorfchef, den Einwohnern mitzuteilen, dass wir die an Malaria erkrankten Patienten behandeln möchten. Er selber verbreitet die Nachricht im ganzen Dorf, so dass zahlreiche Leute herbeieilen. Einige sind bereits erkrankt und geschwächt, andere einfach neugierig auf das Kommende. Männer tragen kleine Kinder auf ihren Schultern, Frauen in Plastiksandalen und mit rosaroten Turbanen nähern sich, lachende Kinder schreien vor Aufregung, wenn man ihnen die Hand reicht, und einige Alte mit Marlboro-Hüten auf dem Kopf zeigen beim Lachen die wenigen Zähne, die ihnen noch geblieben sind.

Wie am Vortag stehen die Patienten Schlange, um sich die Temperatur messen und einen Bluttest vornehmen zu lassen, falls diese über 37.5° beträgt. Die Gesundheitserzieher weisen auf die Dosierung hin, die unbedingt eingehalten werden muss. Die Patienten, die kein Fieber haben, aber andere Symptome aufweisen, kommen ebenfalls zu uns.
Die Bluttests werden von einer unserer Krankenschwestern vorgenommen. Nachdem die Fingerspitze des Patienten mit einem Wattebausch gereinigt wurde, sticht sie mit einer kleinen Nadel hinein und lässt einen Blutstropfen in eine der Öffnungen von Paracheck® tropfen. Sie gibt sechs Tropfen Reagenzmittel in eine zweite Öffnung und schreibt den Namen des Patienten auf die Schachtel. Nach 15 Minuten bestätigt der Test, ob eine Malaria Falciparum vorliegt.

Diese "Schnelldiagnosen" sind sehr wichtig. Wegen den mangelnden Diagnose-Instrumenten besteht die Gefahr einer Überschätzung der Malaria. Wenn es sich nicht um eine Epidemie handelt, erkranken nur 30% der angenommenen Fälle an der gefährlichsten Malariaform (Falciparum). Von den restlichen 70% sind etwa 10% auf eine Malaria Vivax zurückzuführen, die nur sehr selten tödlich verläuft. Die übrigen 60% leiden an anderen Krankheiten. Eine Fehldiagnose kann sich somit verheerend auswirken. Nebst der Verschwendung von Coartem®, die aufgrund der erschöpften Vorräte und der hohen Medikamentenkosten unbedingt zu vermeiden ist, kann diese zur Folge haben, dass andere Krankheiten unerkannt bleiben und infolgedessen nicht behandelt werden. Wenn Patienten, die nicht unter Malaria leiden, Coartem® einnehmen, laufen sie Gefahr, dass die Malaria langfristig eine Resistenz gegen das Medikament entwickelt. Nur während einer Epidemie und wenn klar ist, durch welche Malariaform diese hervorgerufen wird, verzichtet MSF manchmal auf den Paracheck um möglichst viele Patienten behandeln zu können.

In einem Land wie Äthiopien, wo Mikroskope und ausgebildetes Laborpersonal eine Seltenheit darstellen, ist die Verwendung von Schnelltests wie Paracheck® von grundlegender Bedeutung. Die nicht allzu teuren und im Allgemeinen recht wirksamen Tests stellen einen riesigen Fortschritt dar. Leider werden sie in Äthiopien erst seit kurzem verwendet. Bereits im April hat das Gesundheitsministerium festgestellt, dass im Land rund 80'000 Tests fehlen.
Da sich die kleinen Testschachteln in Shanibara stapeln, eilen auch Patienten aus den Nachbardörfern herbei. Gegen Mittag hat sich die anfänglich brav wartende Schlange in ein Menschengewirr verwandelt, das sich um das Auto von MSF tummelt. Ein Knabe, an dem ein Test vorgenommen wurde, weint vor Schmerzen, als man ihn am Bauch berührt. Sein Vater schiebt sein Hemd hoch und zeigt die zahlreichen Wunden und Vernarbungen, von denen zwei stark infiziert sind. Der Dorfchef erklärt uns, es handle sich hier um eine traditionelle Form der Malariabehandlung. Mit einer über dem Feuer erhitzten Messerklinge werden dem Patienten Schnittwunden auf dem ganzen Körper zugefügt. Andere Dorfbewohner zeigen ebenfalls ihre Verletzungen und bestätigen die Aussagen des Dorfchefs.

Von einem Freund gestützt, steigt ein alter Mann, der seine Medikamente erhalten hat, langsam wieder den Hügel hinunter. Nach einem viertelstündigen Marsch kommt er in seinem Dorf an, das aus einigen Hütten besteht, welche durch Felder voneinander abgetrennt sind. Seine Frau nimmt ihn in Empfang und führt ihn in seine dunkle Tukul, wo er sich ausruhen kann. Ein Jugendlicher fragt uns in einem mehr oder weniger guten Englisch, ob wir Schlafmittel hätten. Wir entgegnen, wir würden nur Malaria behandeln. Daraufhin meint er, hier gebe es auch zahlreiche andere Probleme. Der junge Mann hat Recht - man muss kein Arzt sein, um die zahlreichen Hautinfektionen, schlimmen Kröpfe oder Augenprobleme festzustellen.

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