08.09.2005 - Äthiopien

Tagebuch: Notfalleinsatz in Äthiopien - 2. Tag

Donnerstag, 8. September
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
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Die ganze Nacht hindurch regnet es Bindfäden und wir wachen unter einem düsteren, grauen Himmel auf. Nach mehreren Tassen äthiopischen Kaffees verfrachten wir Tische, Stühle, Medikamente und Wasservorräte in unsere beiden Autos und machen uns auf Richtung Berge.

Die Region, in der MSF derzeit tätig ist, besteht aus einer 40 Kilometer langen Hügelkette von 1400 bis 1700 Metern Höhe. Die Gegend ist sehr abgelegen. Als Strassen dienen einfache Wege, die nur selten von Autos befahren werden und sich während den Regenzeiten in Schlammflüsse verwandeln. Stellenweise verschwinden sie sogar oder hören vor einer Schlucht einfach auf, so dass die Fahrt über Felder weitergeht. Es gibt weder Elektrizität noch Wasserversorgung und nur wenige rudimentäre Gesundheitszentren.
    
Wir durchqueren das erst vor kurzem erbaute Dorf Shaffe, dessen Lehmhäuser mit Dächern aus Wellblech gedeckt sind. Die Leute leben hier in "Tukuls". Diese kuppelförmigen Hütten gleichen riesigen Heubündeln, die von Holz- oder Schlammmauern umgeben sind. Drei Kilometer weiter entfernt bleiben wir mit dem Auto im Schlamm stecken. Nach den Regenfällen der letzten Nacht ist dies nicht weiter verwunderlich. Der vorderste Wagen möchte uns abschleppen, aber das Seil reisst. Zum Glück ist noch ein weiteres Auto unterwegs, das uns aus diesem Schlamassel herausholt. Erleichtert, aber mit der Gewissheit, dass wir die übrigen dreissig Kilometer nicht mehr wie bis anhin weiterfahren können, verfrachten wir unser ganzes Material in das zweite Fahrzeug, das besser auf das Gelände zugeschnitten ist, und schicken das erste nach Sawla zurück.

Bei unserer Ankunft im Dorf Ganda warten schon an die hundert Personen vor dem Gesundheitsposten. Einige sitzen, andere liegen - eine Frau ist offensichtlich in ihrem Bett hierher transportiert worden. Die meisten Leute warten schon seit Stunden. Das Team, das aus einem Arzt, zwei Krankenschwestern, einem Apotheker und einem Gesundheitserzieher besteht, nimmt seine Arbeit auf. Dr. Helmy entschuldigt sich für die Verspätung und erklärt, die Notfälle müssten zuerst behandelt werden.

Wir messen die Temperatur all derjenigen, die sich krank fühlen. Personen mit einer Temperatur von über 37.5° werden mit einem Bluttest auf Malaria untersucht; die anderen können nach Hause gehen. Es gibt zwei Malariastämme - Falciparum und Vivax. 70% der Malariafälle werden normalerweise durch den ersten Stamm verursacht, der tödlich sein kann. Positiv auf diesen Stamm getestete Patienten können jedoch mit einer Medikamentenkombination, deren einer Teil auf der chinesischen Heilpflanze Artemisin basiert (ACT) geheilt werden.

Wie überall auf der Welt stellt die zunehmende Resistenz gegenüber im Falle von Malaria verwendeten Medikamente in Äthiopien ein grosses Problem dar. Studien, die das Gesundheitsministerium der WHO in den Jahren 2003/2004 durchführte, haben gezeigt, dass die Erstbehandlung mit Fansidar® in den meisten Fällen nicht mehr wirksam ist. Nach einer schweren Epidemie vor zwei Jahren und dank dem intensiven Lobbying von MSF und anderen NGOs hat sich die äthiopische Regierung endlich bereit erklärt, ihre Behandlungsvorschrift für Malaria von Fansidar® zu einem ACT-Medikament (in diesem Fall Coartem® (Arthemeter/Lumefantrine) zu ändern.

Seither besteht die grosse Herausforderung darin, für das gesamte Land genügend Medikamente zu erhalten und diese rasch in den abgelegenen Regionen zu verteilen. Denn obwohl die Coartem®-Vorräte auf dem internationalen Markt erschöpft sind, hat die Regierung im August erklärt, für den Höhepunkt der Malariaepidemie 2005 rund sieben Millionen Dosen ACT zu benötigen. Im Oktober sollen zwar 3.5 Millionen Behandlungen geliefert werden. Sollte sich die Epidemie jedoch ausbreiten, könnte es wegen der Zeitspanne, welche die Medikamentenabgabe erforderlich macht, für eine erfolgreiche Behandlung zu spät sein.

Während wir Tische und Stühle bereitstellen, um eine Art Freiluftklinik zu bilden, erklären zwei Mitglieder unseres Teams den Anwesenden die Einnahme der Medikamente. Coartem® ist sehr wirksam, aber die Dosierung muss aufs Genaueste befolgt werden. Erwachsene müssen drei Tage lang je vier Pillen am Morgen und am Abend einnehmen. Auch wenn sich die Patienten bereits nach dem zweiten Tag besser fühlen, ist die Behandlung unbedingt zu Ende zu führen. Nur so kann ein Rückfall oder die Entwicklung einer Resistenz gegenüber dem Medikament vermieden werden. Das Team von MSF weist auf all dies hin und lässt die Patienten die Anordnungen wiederholen, um festzustellen, ob sie auch wirklich verstanden worden sind. Für die Leute in diesem Dorf ist die Gratisabgabe von Medikamenten etwas ganz Neues. Sie müssen der Versuchung widerstehen, die Tabletten mit ihren Familienangehörigen zu teilen.


Die Einführung der ACT ist in Ganda unbedingt notwendig. Wie uns ein Dorfbewohner erklärte, starben in den letzten drei Monaten wahrscheinlich rund 150 Personen an Malaria. Obwohl nicht überprüft werden kann, ob wirklich alle Todesfälle auf Malaria zurückzuführen sind, bestätigen die vom MSF-Team an den derzeitigen Kranken durchgeführten Bluttests diesen Eindruck. Die Tests weisen auf einen hohen Prozentsatz infizierter Personen hin.

Eine immer länger werdende Patientenschlange wartet darauf, von unserem Team behandelt zu werden. Die Einrichtung ist rudimentär: ein Seil zum Kanalisieren des Patientenstroms, ein Klapptisch, vier Hocker, ein Wasserbehälter und einige Plastikbecher. Als medizinische Ausrüstung dienen vier Thermometer, die Paracheck®-Tests - kleine Plastikrechtecke, welche innerhalb von fünfzehn Minuten eine Malariadiagnose ermöglichen - Coartem®, ein wenig Paracetamol und Chinin zur Behandlung der schwersten Fälle.

Über hundert Patienten sind am Nachmittag untersucht worden. Das Team stellt seine Arbeit ein, verfrachtet das Material ins Auto und schlägt ein Notlager auf, wo es die Nacht verbringt. Dr. Helmy versucht, mit aneinander geklebten Teilen fotokopierter Karten eine Karte der Region herzustellen. So bekommen wir eine Gesamtübersicht über das Gebiet, das es abzudecken gilt. Noch müssen wir zahlreiche Dörfer besuchen, um das Ausmass der Epidemie abschätzen zu können.

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