07.09.2005 - Äthiopien

Tagebuch: Notfalleinsatz in Äthiopien - 1. Tag

Mittwoch, 7. September
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
Malaria intervention Ethiopia 2005
MSF launched an emergency malaria intervention in late August 2005 to tackle a localised epidemic. Goffa, SNNPR region, southern Ethiopia, Ethiopia. 09/09/2005
© Petterik Wiggers
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Wir sind mit dem Auto im Süden von Addis Abeba unterwegs, der Hauptstadt Äthiopiens, und bahnen uns einen Weg durch die schwarzen Rauchschwaden von Minibussen, Lastwagen und - zu unserem Erstaunen - alten VW-Käfern. Wir weichen Fussgängern aus, die verzweifelt nach einer Mitfahrgelegenheit suchen, lassen die zahlreichen Marktstände hinter uns, an denen die Metzger neben Ziegengerippen und mit Fliegen übersäten Schafen ausharren, und fahren Slalom zwischen Knaben, die Poulets in der Luft herumschwenken und hoffen, auf diese Weise Kunden anzulocken.    

Unser Ziel ist die "Southern Nations, Nationalities, and Peoples Region" ganz im Süden des Landes mit dem Gebiet "Gamo Gofa". Dieses liegt rund hundert Kilometer nördlich der kenianischen Grenze. Vor drei Wochen ist MSF auf eine Malariaepidemie gestossen, die wahrscheinlich bereits eine erschreckend hohe Zahl von Todesfällen verursacht hat. Innerhalb von nur zwei Monaten wurden in einem winzigen Dorf nicht weniger als 73 Tote gezählt. Dank einem Notfalleinsatz sollen die Kranken nun sofort behandelt und das Ausmass der Epidemie abgeschätzt werden.

In Äthiopien ist Malaria die am häufigsten diagnostizierte Krankheit, die mehr Todesopfer fordert als jede andere Erkrankung. Laut Regierungsangaben kostete eine Epidemie im Jahr 2003 rund 170'000 Menschenleben. In einem Land, das fast dreissig Mal so gross ist wie die Schweiz und über zahlreiche unwegsame Landgebiete sowie sehr schlechte Kommunikationsinfrastrukturen verfügt, genaue Zahlen zu erhalten, erweist sich als äusserst schwierig.

Aufgrund der besonderen Topographie des Landes machen sich die Malariaepidemien in Äthiopien auf ungewöhnliche Weise bemerkbar. Über 4000 Meter hohe Berge auf Hochplateaus mit sehr kaltem Klima wechseln mit Ebenen ab, die unter dem Meeresspiegel liegen. In den meisten Bergregionen ist die Malaria nicht endemisch, so dass die Leute gegen die Krankheit keine Immunität entwickeln. Dies hat zur Folge, dass sich die Bevölkerung bei einer Epidemie sehr rasch und in erschreckendem Ausmass ansteckt.

Um Gamo Gofa zu erreichen, benötigen wir fast zehn Stunden. Wir sind mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs und fahren anschliessend den fünf Seen im Norden des "Great Rift Valleys" entlang. Zu guter Letzt erreichen wir das mythische Dorf Shashemene, der inoffiziellen Hauptstadt der äthiopischen Rastagemeinde. Dieser "Jamaika" genannte Ort ist etwas ganz Besonderes. Überall trifft man auf Leute, die T-Shirts von Bob Marley und Mützen mit den Farben Jamaikas tragen (Das Wort "Rastafarian" kommt von "Ras Tafari", dem Namen des ehemaligen Kaisers Haile Selassie vor dessen Machtergreifung im Jahre 1930.).

Nach Shashemene wird die Strasse immer holpriger und die Landschaft immer weitläufiger. So weit das Auge reicht, sind im Hintergrund patchworkartig Felder in Hunderten verschiedener Grüntöne zu erblicken. Schilder weisen auf am Strassenrand lauernde Löwen und Affen hin und mitten auf der Fahrbahn liegt das mit Fliegen übersäte Skelett einer Riesenschlange. Auf unserer Fahrt begegnen wir nur wenigen anderen Fahrzeugen. Beim Eindämmern treffen wir immer häufiger auf kleine Kuh-, Ziegen- oder Eselherden, die von Knaben oder Frauen gehütet werden. Durch unser Hupen aufgeschreckt, eilen die Tiere in alle Richtungen. Nur die störrischen Esel weigern sich, Platz zu machen, so dass wir zum Slalomfahren gezwungen sind.

Kurz vor dem Einnachten erreichen wir endlich das Dorf Sawla, wo MSF eine rudimentäre Basis aufgeschlagen hat. Eines der mobilen Teams kommt gerade von der Arbeit zurück und lädt die Kartons mit Malariamedikamenten und Paracheck®-Tests ab. Dr. Helmy Mekaoui, der für die Koordination des Projekts zuständige tunesische Arzt, überprüft die Daten mit den an diesem Tag getesteten und behandelten Patienten: 311 Untersuchungen, 104 Bluttests und 93 Behandlungen. Zwei weitere Teams von MSF verbringen die Nacht im Zelt eines improvisierten Lagers im Epidemiegebiet.

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