08.01.2018 - Zentralafrikanische Republik

Zentralafrikanische Republik: Gewaltsame Kämpfe treiben tausende in die Flucht

Rund 30‘000 Menschen haben in der Stadt Paoua Schutz vor den Kämpfen in der Region gefunden. MSF ist sehr besorgt über die Lage.
Josiane Wankian und eines ihrer neun Kinder, 29. Dezember 2017.
Wie Josianne und ihre Familie sind mehr als 30.000 Menschen aus den umliegenden Dörfern geflohen und haben Zuflucht in der Stadt Paoua gesucht.
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Seit dem 27. Dezember halten die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen an: Rund 30‘000 Menschen sind vor den Kämpfen in der Region geflohen, um Zuflucht in der Stadt Paoua zu suchen. Sie berichten von Dörfern, die in Brand gesetzt wurden, Erpressungen und willkürlichen Angriffen auf alle, die sich in dem Gebiet befinden. Die Situation bleibt extrem angespannt.

Nur 13 Verletzte erreichten das Spital

Das Team von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) behandelte im Spital von Paoua 13 Menschen, die bei den Kämpfen und Angriffen verletzt wurden. «Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt, wie viele Vertriebe nach Paoua kamen und welch extremer Gewalt sie ausgesetzt waren. Viele erzählen von Männern auf Pferden, die auf alles schiessen, was sich bewegt und von toten und verletzten Menschen, die im Busch zurückgelassen wurden», berichtet Gwenola François, Einsatzleiterin von MSF. «Die Situation bereitet uns grosse Sorgen.»

Der 33-jährige Bauer Léonard Gangbe war einer der Verwundeten, die das Spital in Paoua erreicht haben. Als die Kämpfe ausbrachen, floh er gemeinsam mit einigen Nachbarn aus dem Dorf in ein Haus im Busch. Während er versuchte, bewaffnete Männer daran zu hindern, sein Vieh zu stehlen, wurde er in die linke Wange geschossen. Die Kugel durchdrang seine Nase und Oberlippe.

Aufgrund der Kämpfe musste MSF die Arbeit in den sieben Gesundheitszentren ausserhalb von Paoua unterbrechen. Drei dieser Zentren wurden Berichten zufolge geplündert.

Anhaltender Gewalt ausgesetzt

Die Region Paoua blieb von den Kämpfen und der Eskalation der Gewalt im vergangenen Jahr relativ verschont. Aber selbst dort, wo die Sicherheitslage im Vergleich zu anderen Teilen des Landes etwas besser ist, waren die Menschen anhaltender Gewalt ausgesetzt.

Die Gewalt ist nicht nur durch Kämpfe bewaffneter Gruppen, gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung und die grosse Anzahl an Toten und Verletzten gekennzeichnet. Begünstigt wird sie auch durch die Unfähigkeit staatlicher Behörden, in weiten Teilen des Landes Sicherheit zu gewährleisten, und durch bewaffnete Männer, die auf Kosten anderer Menschen leben. Diese Gruppen nutzen jeden Vorwand, um willkürlich Steuern einzufordern – zum Beispiel für die Erlaubnis, sich auf einer bestimmten Strasse fortzubewegen, Rinder zu besitzen oder sogar um im eigenen Haus zu leben. Josianne Wankian ist 37 Jahre alt und Mutter von neun Kindern. Ihre Geschichte ist exemplarisch.

Josiannes Geschichte

Josianne stammt aus demDorf Betokomia, das wenige Kilometer von Paoua entfernt liegt. Am 28. Dezember 2017 hörte sie um fünf Uhr morgens Schüsse in der Nähe ihres Hauses. Ihr Ehemann und ihr 13-jähriger Sohn rannten davon, weil das Gerücht umging, dass zwar keine Frauen verletzt, die Männer jedoch sofort getötet würden. Sie war mit ihren Kindern alleine, als bewaffnete Männer eindrangen und Essen und Geld verlangten. Josianne lieh sich daraufhin umgerechnet etwa 18 Euro von Nachbarn, damit sie und ihre Kinder unversehrt das Dorf verlassen und bei ihrer älteren Schwester, die in Paoua lebt, Zuflucht suchen konnten.

Es war nicht das erste Mal, dass bewaffnete Männer von Josianne und ihrer Familie Geld verlangten. Im August 2017 setzten sie sogar ihr Zuhause in Brand. «Mein Ehemann ist Bauer. Wir hatten vier Rinder. Daher waren wir in der Lage, unser Einkommen mit dem Verkauf von Produkten zu steigern», erzählt Josianne. «Wenn bewaffnete Männer ein anständiges Haus sehen, verlangen sie Nahrung, Vieh oder Geld. Sie befahlen uns, eine Steuer von umgerechnet 90 Franken für unser Vieh zu zahlen und forderten 215 Franken, damit wir in unserem Haus weiterleben können. Ich gab ihnen 45 Franken – alles, was ich hatte. Es hat sie nicht davon abgehalten, unsere Habseligkeiten zu stehlen und das Haus in Brand zu setzen. Danach verbrachten meine Kinder und ich mehrere Monate auf den Feldern. Wir waren gerade dabei, unser Haus wieder aufzubauen, als vor ein paar Tagen erneut Kämpfe ausbrachen.»

Wie Josianne und ihre Familie sind mehr als 30‘000 Menschen aus den umliegenden Dörfern geflohen und haben Zuflucht in der Stadt Paoua gesucht. Auch wenn es hier nicht sicher ist, fühlen sie sich hier geschützter als in den Dörfern. Die Stadt ist überfüllt, fast jeder Haushalt beherbergt mehr als 40 Vertriebene. Bald wird es nicht mehr genug Wasser und Nahrung für alle geben.

Aktivitäten von MSF in der Zentralafrikanischen Republik

MSF arbeitet seit 2006 in Paoua. Die Organisation unterstützt die Notaufnahme und die Kinderstation des Spitals in Paoua. Die Organisation hat zudem den Zugang zu medizinischer Grundversorgung für Kinder und schwangere Frauen in sieben abgelegenen Gesundheitszentren sichergestellt.

In der Zentralafrikanischen Republik leistet MSF derzeit medizinische Hilfe für die Bevölkerung in Bria, Bambari, Alindao, Batangafo, Kabo, Bossangoa, Boguila, Paoua, Carnot und Bangui. Seit Beginn des Jahres 2017, in dem es zu einer Eskalation des bewaffneten Konflikts kam, musste die Organisation mehrere Hilfsprogramme anpassen, um auf die dringendsten Bedürfnisse der unter der Gewalt leidenden Bevölkerung reagieren zu können.

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