22.02.2017 - Südsudan

Südsudan: Ernährungskrise ist Folge eines langanhaltenden Konfliktes

Die Menschen in den südsudanesischen Bezirken Mayendit und Leer leiden massiv unter der anhaltenden Gewalt. Männer, Frauen und Kinder müssen immer wieder vor Kämpfen fliehen und haben kaum Nahrung, Wasser oder medizinische Versorgung. Die Teams von MSF haben in den vergangenen Wochen extrem hohe Raten an Mangelernährung registriert und einen Notfalleinsatz gestartet, um mangelernährte Kinder medizinisch zu versorgen.
Dablual, Südsudan, 12.02.2017
Das MSF-Team verlässt die Stadt Dablual, wo das erste mobile Feldspital eingerichtet wurde, und zieht weiter nach Rieri.
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«Die Menschen hier haben alles verloren und kämpfen jeden Tag um ihr Überleben», sagt Nicolas Peissel, Projektkoordinator von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Südsudan. «Sie können ihre grundlegendsten Bedürfnisse wie sauberes Wasser, Nahrungsmittel, Unterkünfte und medizinische Versorgung nicht erfüllen, und das hängt direkt mit der extremen Gewalt zusammen, die hier vorherrscht.»

Im Januar haben die MSF-Teams hohe Mangelernährungsraten unter Kindern in den Regionen Dablual und Mirniyal im Norden des Bezirks Mayendit festgestellt. 25 Prozent der Kinder unter fünf Jahren waren akut mangelernährt, bis zu 8,1 Prozent von ihnen schwer. «Das bedeutet, dass fast ein Zehntel der Kinder, die wir in unseren Kliniken behandelt haben, in einem lebensbedrohlichen Zustand sind», so Peissel. «Diese Zahlen sind sehr beunruhigend.» Aus diesem Grund behandeln die mobilen MSF-Teams seit einer Woche auch Patienten mit Mangelernährung.

«Ich bin mit den Zwillingen im Arm und meiner vierjährigen Tochter weggelaufen»

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der Region ist es MSF derzeit nicht möglich, ein Spital zu eröffnen oder Patienten in andere medizinische Einrichtungen zu überweisen. Dies würde sowohl die Patienten als auch das medizinische Personal gefährden. Unter diesen Bedingungen eine Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen, ist eine grosse Herausforderung – vor allem, weil die Menschen auf der Suche nach Schutz und Sicherheit immer wieder von einem Ort zum anderen fliehen.

Nyayolah ist mit ihren einjährigen Zwillingen in die Klinik von MSF gekommen. Beide sind mangelernährt. «Im Oktober und November mussten wir drei Mal aus unserem Dorf fliehen und uns im Busch verstecken», sagt sie. «Wir haben gelernt, die Geräusche von Autos und Panzern zu erkennen und haben jedes Mal alles mitgenommen, was wir konnten. Die bewaffneten Männer haben auf uns geschossen und unsere Häuser geplündert. Ich bin mit den Zwillingen im Arm und meiner vierjährigen Tochter weggelaufen. Manchmal sahen wir Menschen, die beim Laufen zu Boden fielen, nachdem auf sie geschossen wurde, oder Menschen, die ihre Habseligkeiten wegschmissen, da sie damit nicht schnell genug rennen konnten. Wir versteckten uns bis Einbruch der Dunkelheit und gingen zurück, sobald die Soldaten weg waren. Jedes Mal fanden wir danach weniger zu Hause vor. Zuerst waren unser Vieh, unsere Ziegen und Hühner weg, dann unsere Ernte, und schliesslich wurden unsere Häuser geplündert und verbrannt.»

«Wir müssen medizinische Hilfe an die Routen der Menschen anpassen»

Einige Wochen später hat die Familie von Nyayolah die Entscheidung getroffen, wegzugehen und auf einer Insel in den Sümpfen Zuflucht zu suchen. Während der 17-stündigen Reise dorthin lebten sie von Sumpfwasser und den wenigen Nahrungsmitteln, die sie bei sich hatten.

«Die Menschen hier sind ständig in Bewegung», sagt Peissel. «Immer wieder fliehen sie vor der Gewalt, suchen einen sicheren Ort für ihre Familien oder einfach nur Ressourcen. Wenn sie zum Beispiel von einer Nahrungsmittelverteilung hören, gehen sie dorthin. Wir müssen unsere medizinische Hilfe darum an die Routen der Menschen anpassen.»

Die Aussichten für die nächsten Monate sind laut Peissel düster, da die derzeitige Trockenzeit die  Nahrungsmittelknappheit noch verstärken wird. «Wenn die Menschen keinen sicheren Platz zum Leben finden, wo sie Zugang zu sauberem Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Unterkunft und Gesundheitsversorgung haben, wird sich die Lage für die Bevölkerung sicher nicht verbessern.»

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