24.10.2017 - Bangladesh

Rohingya in Bangladesch: «Die Menschen sind im Überlebensmodus»

Rede von Joanne Liu, der internationalen Präsidentin von MSF, an der Geberkonferenz in Genf zur Lage der Rohingya.
Bangladesch, 08.10.2017
Fast 600‘000 Rohingya haben in den vergangenen zwei Monaten in Bangladesch Schutz gesucht. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht.

Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF), hat heute auf der internationalen Geberkonferenz in Genf über die Lage der Rohingya in Bangladesch gesprochen. Hier beschreibt sie, was sie kürzlich bei ihrem Besuch in Cox’s Basar in Bangladesch gesehen hat. Dort haben hunderttausende Menschen Zuflucht gefunden, die vor der Gewalt im Bundesstaat Rakhine in Myanmar geflohen sind.

«Fast 600‘000 Rohingya haben in den vergangenen zwei Monaten in Bangladesch Schutz gesucht. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht. Allein in den vergangenen zwei Wochen haben rund 40‘000 Menschen die Grenze von Myanmar nach Bangladesch überquert. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Gewalt in Rakhine weiter anhält.

Das Ausmass dieser Krise ist nur schwer vorstellbar, wenn man die Lage vor Ort nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Die Unterkünfte der Flüchtlinge, die sich über viele kleine Hügel verteilen, sind unglaublich dürftig. Sie sehen aus wie improvisierte Hütten aus Lehm und Plastikplanen, die von Bambusstangen zusammengehalten werden. Schon vor dem aktuellen Flüchtlingszustrom lebten im Lager in Kutupalong mehrere tausend Rohingya. Wenn man das Lager durch den Haupteingang betritt, wirkt es zunächst einigermassen strukturiert. Dringt man weiter in das Lager hinein, in die Wälder und Bereiche, zu denen keine Wege führen, sieht es ganz anders aus. Es gibt dort praktisch keine Hilfeleistungen, und die Lebensbedingungen der Menschen sind prekär. Ganze Familien leben dort nur unter Plastikplanen auf schlammigem Untergrund, ohne Schutz vor Überschwemmungen oder Angriffen von Elefanten. Sie haben weder sauberes Wasser noch Nahrungsmittel, und auch keine Latrinen oder medizinische Versorgung.

Die Körpersprache der Menschen zeigt, dass sie noch im Überlebensmodus sind. Ihre Flucht liegt ja noch nicht lange zurück. Sie nehmen jeden Tag, so wie er kommt, und versuchen, irgendwie den Tag zu überstehen. Die humanitäre Hilfe ist momentan ziemlich unkoordiniert: Plastikplanen werden an einer Stelle ausgegeben, Reis oder Wasser wiederum anderswo. 

MSF betreibt in Kutupalong seit 2009 eine medizinische Einrichtung. Wir haben unsere Kapazitäten für stationäre Behandlungen nun von 50 auf 70 Betten erhöht und behandeln täglich 800 bis 1‘000 Patienten. Unsere Teams erleben dort Sachen, die normalerweise nicht passieren. So kollabieren oder sterben Erwachsene beispielsweise wegen Dehydration, aufgrund eines einfachen wässrigen Durchfalls. An verschiedenen Orten in Cox's Bazar haben wir neue Projekte eröffnet und reagieren damit auf den exponentiell ansteigenden Bedarf an medizinischer Hilfe. Es muss aber dringend mehr getan werden. Das Lager ist für die Menschen in gesundheitlicher Hinsicht eine tickende Bombe.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Ursache für die Vertreibung der Rohingya die andauernde Krise in Myanmar ist. Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht ohne Grund. Sie fliehen, weil ihr Leben in Gefahr ist und sie keine andere Wahl haben. Hunderttausende Rohingya sitzen noch in Myanmar fest. Sie leben dort in Angst und sind abgeschnitten von humanitärer Hilfe.

Bangladesch hat innerhalb der vergangenen zwei Monate mehr als eine halbe Million Menschen aufgenommen, was nicht nur eine enorme Leistung, sondern auch ein Akt der Menschlichkeit ist. Doch das Land steht damit vor einer nicht zu bewältigenden Aufgabe. Keine Nation der Welt könnte diese Notlage alleine stemmen. Wir appellieren an die bangladeschische Regierung, die Grenze zu Myanmar weiterhin für Flüchtende offen zu halten, und an die internationale Gemeinschaft, diese mutige Geste zu unterstützen. Es ist die Pflicht der Geberländer, eine drohende humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die Grundversorgung dieser Menschen, die vor Gewalt, sexuellem Missbrauch und Folter aus ihrer Heimat geflohen sind, muss sichergestellt werden. Es braucht mehr Organisationen, die vor Ort sanitäre Einrichtungen, Wasserpumpen, ausreichend Nahrungsmittel und medizinische Versorgung bereitstellen. Dies geht jedoch nur, wenn die bangladeschische Regierung einer ausreichenden Zahl an Hilfsorganisationen den Zugang und die notwendige Unterstützung gewährt.

Die heutige Geberkonferenz muss ein Weckruf sein. Sie ist unsere Chance, die Rohingya vor einer weiteren humanitären Katastrophe zu bewahren und menschenwürdige Bedingungen für die geflüchteten Menschen zu schaffen.»

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