16.03.2018 - Syrien

Ost-Ghuta: Die Stimme aus dem Spitalkeller

Die meisten Menschen in Ost-Ghuta leben im Untergrund. Die medizinische Versorgung erfolgt zunehmend in Kellern. Was dort geschieht, ist bei Tageslicht kaum erträglich.
Syrien, 22.07.2013
Chirurgisches Material ist im belagerten Ost-Ghuta seit Jahren knapp. Archivbild, Syrien 2013. 

Ich habe kürzlich mit einer der Leiterinnen eines Spitals in Ost-Ghuta gesprochen, das Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF) seit 2013 unterstützt. Während sie die Einzelheiten des täglichen Kampfes ihres Teams beschrieb, wuchs mein Unbehagen, in einem sicheren Büro in Brüssel zu sitzen.

Diese junge, selbstbewusste Ärztin erklärte, dass die letzten fünf Jahre der Belagerung mit immer wiederkehrenden Bombenangriffen sehr schwierig waren – jedoch nichts im Vergleich zum letzten Monat. Sie konnte kaum Worte finden, um die Situation zu beschreiben. Das Spital befand sich in einem fünfstöckigen Gebäude, aber derzeit können sie nur noch den Keller benutzen, da er im Falle eines Granaten- oder Bombenangriffs einen gewissen Schutz bietet.

In ihrem Keller haben sie mehrere Operationssäle eingerichtet, jedoch liegt die nächste Intensivstation mehrere Kilometer entfernt und die Benutzung der Strasse ist zu gefährlich. Die Ärztin erzählte mir von einem Bombenanschlag in der Nähe des Spitals, der am Vortag stattfand: Sieben Tote, darunter drei Kinder, und 30 verwundete Patientinnen und Patienten wurden eingeliefert.

Bei unserem Gespräch war sie völlig erschöpft. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen hatten in den letzten 24 Stunden 17 grosse chirurgische Eingriffe durchgeführt –  einschliesslich allgemeiner, orthopädischer und vaskulärer Operationen – und das mit begrenzter Ausrüstung und Material. Ich erkundigte mich nach dem Gesundheitszustand der  Patientinnen und Patienten, und sie berichtete mir, dass eine Person verstorben sei. Aber es gab auch eine gute Nachricht: 16 Patienten waren stabil.

Sie erzählte mir auch, dass Bluttransfusionen eines der grössten Probleme darstellen. Die zentrale Blutbank ist zwar nur sieben Kilometer entfernt, aber aufgrund der Bombenangriffe und des Beschusses könnten es auch 70 Kilometer sein. Es ist derzeit unmöglich, dorthin zu gelangen. Im Spital kann die Ärztin nur die grundlegendsten Kontrollen vor den Transfusionen durchführen. Hinzu kommt, dass die Blutbeutel ausgehen.

Die meisten Menschen leben in unterirdischen Kellern oder provisorischen Bunkern – in geschlossenen Räumen mit extrem ungesunden Lebensbedingungen. Die Ärztin sagte, dass sie die normalen Behandlungen auf ein Minimum reduzieren müsse, um noch genügend Kapazitäten für die kritischen Fälle zur Verfügung zu haben.

Dieser Kampf und seine Auswirkungen sind extrem. Während der ersten zwei Wochen der Offensive wurden jeden Tag mehr als 300 Verletzte und mehr als 70 Tote in die von MSF unterstützten Einrichtungen gebracht. Tag für Tag. 15 Einrichtungen, die MSF in der Region unterstützt, wurden von Bomben oder Granaten getroffen. Vier der Sanitäter, mit denen wir gearbeitet haben, wurden getötet und bisher 20 verletzt.

Während die Realität des Krieges klar scheint, sind einige Details unklar. Aber alles deutet darauf hin, dass der Konflikt nicht nur gross ist, sondern der Krieg auch sehr schmutzig geführt wird. Wir können die Angaben zu Patientinnen und Patienten mit Atemschwierigkeiten und Symptomen, die auf die Einwirkung chemischer Substanzen hindeuten, nicht verifizieren. Genauso wenig wie die Geschichten der Patientinnen und Patienten mit Schussverletzungen, die behaupten, dass Scharfschützen in dem von der Opposition kontrollierten Gebiet auf sie gezielt haben.

Was wir tun können, ist weiterhin zu versuchen, die bestmögliche Nutzung unserer verbleibenden medizinischen Vorräte in der Enklave sicherzustellen, auch wenn diese jeden Tag mehr aufgebraucht werden. Und wir können unsere Forderungen gegenüber den Kriegsparteien und ihren Anhängern wiederholen, die in Ost-Ghuta eingeschlossenen Zivilisten weder als legitime Ziele noch als entbehrliche Objekte in der Verfolgung militärischer Siege zu sehen. Sie sollten weder als Pfand der Oppositionsgruppen noch als Rechtfertigung für die Militäraktion der syrisch-geführten Koalition eingesetzt werden.

Als die Ärztin sich darauf vorbereitete, zu ihren Patientinnen und Patienten zurückzukehren, fasste sie die Situation als äusserst kritisch zusammen. Ihr Team ist erschöpft und hat Schwierigkeiten zu schlafen, weil es entweder durch die Kampfhandlungen oder einen Massenansturm von Kriegsverletzten aufgeweckt wird. Alle Teammitglieder haben abgenommen, weil sie nur wenig oder oft gar nichts essen. „Das muss aufhören", sagte sie. „Wir können nicht weiter Kinder sterben sehen."

Diese Ärztinnen und Ärzte und die Pflegekräfte sind am Ende, aber sie machen ihre Arbeit immer noch so gut sie können. Dies sollte uns alle demütig machen. Mir fehlen die Worte, und mir bleibt nur noch die klare Botschaft zu wiederholen, die ich aus der Dunkelheit und der Angst des Spitalkellers vernommen habe: „Das muss aufhören.“

Von Meinie Nicolai, Pflegefachfrau und Geschäftsführerin des MSF-Einsatzzentrums in Brüssel.

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