08.06.2017 - Nigeria

Meningitis in Nigeria: Mangel an Diagnostik und verfügbaren Behandlungen

Nigeria ist aktuell vom grössten Meningitis-C-Ausbruch seit neun Jahren betroffen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit Mitte Dezember rund 13’943 Verdachtsfälle und 1’112 Todesfälle registriert. Bart Bardock, MSF-Projektkoordinator für akute Notfälle, berichtet in einem Interview von der Arbeit in den nigerianischen Bundesstaaten Sokoto, Zamfara, Kebbi und Niger. Dort sammelt das Team Proben, führt eine Überwachung vor Ort durch und unterstützt die nationale Impfkampagne, um die Auswirkungen der Meningitis-C-Epidemie zu reduzieren.
Nigeria, 23.04.2017
Innerhalb von sieben Tagen haben 25 Teams eine Impfkampagne durchgeführt. Insgesamt wurden rund 140’600 Menschen in den drei am stärksten betroffenen Gebieten von Sokot...

Wie reagiert Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf den aktuellen Meningitis-Ausbruch in den nigerianischen Bundesstaaten Sokoto und Zamfara?

Seit Februar sind wir vor Ort aktiv. Wir unterstützen das nigerianische Gesundheitsministerium dabei, Krankheitsfälle zu diagnostizieren, indem wir Proben sammeln und den Meningitis-Typ durch einen Schnelltest im Labor bestimmen. Wir haben medizinisches Personal geschult, Behandlungszentren mit Antibiotika versorgt und geholfen, neue Fälle zu identifizieren, um die Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeitsrate zu senken. Zudem betreuen wir zwei Behandlungszentren in Sokoto und Zamfara. Vom 1. bis zum 8. Mai unterstützten wir das Gesundheitsministerium bei der Impfkampagne in Sokoto.

Wie viele Menschen wurden pro Tag im Bundesstaat Sokoto geimpft?

Innerhalb von sieben Tagen haben 25 Teams eine Impfkampagne durchgeführt. Insgesamt wurden rund 140’600 Menschen in den drei am stärksten betroffenen Gebieten von Sokoto geimpft. Das entspricht 95 Prozent von insgesamt 148’000 Personen, die wir uns im Rahmen der Kampagne zum Ziel gesetzt haben.

Warum kommt es in Nigeria wiederholt zu Meningitis-Epidemien?

Nigeria ist Teil des sogenannten «Meningitisgürtels» in Subsahara-Afrika. Dieser erstreckt sich vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten durch 26 Länder und weist die höchste Anzahl an Krankheitsfällen in ganz Afrika auf. Da die Impfungen im Durchschnitt nur einen Schutz für drei Jahre bieten, ist man nur temporär gegen die Krankheit immun. Bei einer Bevölkerung von rund 300 Millionen Menschen im „Meningitisgürtel“ gestaltet es sich schwierig, diesen Schutz aufrechtzuerhalten.

Ist dieser Ausbruch anders als in den Vorjahren?

Seit 2013 behandeln wir Meningitis C, aber dies ist die grösste Epidemie  seit neun Jahren. In Nigeria gab es auch schon zuvor grosse Meningitis-Epidemien, aber dabei handelte es sich um Meningitis A. In der Vergangenheit wurden die Fälle von Meningitis A durch Massenimpfkampagnen drastisch reduziert, wodurch der C-Stamm dominant wurde. Da viele Menschen noch nicht gegen Meningitis C geschützt waren, hat sich die Krankheit in der Bevölkerung weit verbreitet.

Was sind die grössten Herausforderungen, mit denen MSF beim Einsatz gegen die Epidemie konfrontiert ist?

Die grössten Herausforderungen sind die begrenzte Anzahl an verfügbaren Impfstoffen zum Schutz der Bevölkerung, das Fehlen einer frühzeitigen Diagnostik und Behandlung sowie die mangelnde Kenntnis über die Krankheit in der Bevölkerung. In einem Land mit 183 Millionen Menschen ist es schwierig, Krankheiten mit einem potenziell epidemischen Charakter frühzeitig zu erkennen. Die Menschen sind sich nicht immer über die Anzeichen und Symptome der Krankheit bewusst und lassen sich nicht rechtzeitig behandeln. Daher ist es wichtig, den Verdacht auf eine bestimmte Krankheit durch Labortests zu bestätigen, um eine Fehldiagnose zu vermeiden. Diese Tests helfen, den genauen Meningitis-Stamm zu identifizieren und zu bestimmen, welche Art von Impfstoff oder Behandlung eingesetzt werden sollte. Die Reaktionsfähigkeit von Ländern im «Meningitisgürtel» muss verbessert werden.

Gibt es irgendwelche Bedenken im Hinblick auf die offizielle Reaktion auf diesen Ausbruch?

Die späte Reaktion aufgrund des schwachen Überwachungssystems, die eine verzögerte Erklärung des Ausbruchs verursachte, sowie der Mangel an verfügbaren Tests und Behandlungsmöglichkeiten sind die grössten Herausforderungen. Ich schätze die Bemühungen aller Beteiligten, aber aufgrund einer Reihe von Faktoren begann die Gesamtreaktion zu spät.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Die Impfung von gefährdeten Menschen ist der geeignetste und proaktivste Weg, um Schutz durch Immunität zu gewährleisten und die Epidemie so weit wie möglich einzudämmen. Seit der Durchführung einer grossen Impfkampagne mit kombinierten Impfstoffen gegen Meningitis A, gab es in Nigeria seit 2013 keinen Epidemieausbruch dieser Art. Das zeigt, dass es möglich ist, grosse Epidemien mit ausreichend Impfstoffen und einer guten Strategie zu beenden.

Eine weitere Möglichkeit, um negative Auswirkungen zu verringern und Leben zu retten, ist eine zeitnahe und angemessene Behandlung mit Antibiotika, wie wir sie in unseren Gesundheitszentren durchgeführt haben. Darüber hinaus evaluieren wir kontinuierlich, wo der höchste Bedarf besteht, um rechtzeitig reagieren zu können. Die Dezentralisierung der Behandlungszentren ist ebenfalls notwendig, um entsprechend auf diese Notfälle zu reagieren.

Die «Emergency Response Unit» (NERU) von MSF ist seit 2006 in Nigeria aktiv und auf medizinische Notfälle wie Meningitis- und Masernepidemien spezialisiert.

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