13.12.2017 - Jemen

Jemen: Diphtherie-Ausbruch mit 318 Verdachtsfällen und 28 Toten – fast alle Todesfälle bei Kindern unter 15 Jahren

Nach der Cholera stellt der Diphtherie-Ausbruch eine erneute gesundheitliche Bedrohung für die jemenitische Bevölkerung dar.
Jemen, 19.09.2017
«Das Gesundheitssystem des Jemen verkraftet keinen weiteren Krankheitsausbruch.»
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Verdacht auf Diphterie im Jemen
Verdacht auf Diphterie im Jemen
13.12.2017
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Im Jemen breitet sich mit der Diphtherie erneut eine lebensgefährliche Infektionskrankheit aus. Der anhaltende Krieg sowie die Blockade auf Versorgungsgüter begünstigten den Ausbruch in derzeit 15 der insgesamt 20 Provinzen des Landes. 318 Diphtherie-Verdachtsfälle und 28 Todesfälle wurden bis zum 4. Dezember bereits registriert. Die Hälfte der Verdachtsfälle sind Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren. 95 Prozent der Toten sind Kinder unter 15 Jahren. Besonders betroffen ist die Provinz Ibb im Südwesten des Landes, wo nahezu 70 Prozent der Verdachtsfälle registriert wurden. Nachdem die Zahl der Cholera-Erkrankungen im Jemen zuletzt gesunken war, stellt der Diphtherie-Ausbruch nun eine erneute gesundheitliche Bedrohung für die Bevölkerung dar.

Diphtherie ist eine bakterielle Infektionskrankheit. Eine Ansteckung kann jedoch mittels Schutzimpfung verhindert werden. «Durch flächendeckendes Impfen von Kindern konnte Diphtherie in den meisten Ländern der Welt inzwischen ausgerottet werden», erklärt Marc Poncin, Einsatzleiter von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Provinz Ibb. «Diphtherie ist so zu einer Art vernachlässigten und vergessenen Krankheit geworden, sogar im Jemen. Dort wurde der letzte Fall 1992 dokumentiert, der letzte Ausbruch war 1982. Der andauernde Krieg und die Blockade werfen das Gesundheitssystem des Landes um Jahrzehnte zurück.»

Rasche Behandlung entscheidend

Poncin fährt fort: «Zweieinhalb Jahre der Gewalt und eine Blockade von Versorgungsgütern –  Medikamente und Impfstoffe eingeschlossen – hat die Infrastruktur des Gesundheitssystems komplett zerstört. Die Blockade auf die Einfuhr von Treibstoff führte dazu, dass viele Patienten sich die Fahrt zu den wenigen, noch geöffneten Gesundheitseinrichtungen des Landes nicht leisten konnten. Gerade das ist entscheidend, denn wenn Diphtherie-Patienten nicht behandelt werden, kann sich die Infektion ungehindert im Körper ausbreiten und endet in bis zu 40 Prozent der Fälle tödlich.»

Für Hilfsorganisationen kommt erschwerend dazu, dass es ihnen kaum gelingt, Fachpersonal und das benötigte Material zur Behandlung von Diphtherie in die betroffenen Gebiete zu bringen.

«Auch hier handelt sich um eine menschengemachte Krankheit, die das Land, das sich kaum von einem schweren Cholera-Ausbruch erholt hat, nun zusätzlich belastet», so Poncin. «Mit dem weltweiten Rückgang von Diphtherie in den vergangenen Jahren kam es auch zu einem Know-how-Verlust bei der Behandlung. Das macht es viel schwieriger, die Krankheit rasch und korrekt zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Erkrankten müssen isoliert werden und Antibiotika und Antitoxine erhalten. Der weltweite Vorrat an Antitoxinen, die das wichtigste Element der Behandlung sind, ist jedoch begrenzt. Bis vor ein paar Wochen waren im Jemen keine Antitoxine verfügbar.»

Kaum Antitoxine verfügbar

MSF ist deshalb nun gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation WHO dabei, den Grossteil der noch vorhandenen Antitoxine zu erwerben und zusätzliche Antibiotika zu bestellen. MSF hat ausserdem ein Einsatzteam aufgestellt, das Verdachtsfälle überwacht und identifiziert und Menschen, die Kontakt mit Diphtherie-Patienten hatten, Prophylaxe verabreicht.

Am 11. Dezember eröffnete MSF im Nasser-Spital in der Stadt Ibb ein Diphtherie-Behandlungszentrum. Diese Unterstützung ist auch in Spitälern in Yarim und Jiblah geplant, letzteres wird zusätzlich über eine Intensivpflegeabteilung verfügen. Auch im Sadaqa-Spital in Aden, wo vierzehn Fälle erfasst wurden – wovon vier Menschen starben  , wird nun eine Abteilung zur Intensivpflege aufgebaut. Um Verdachtsfälle rechtzeitig ins Spital zu bringen, wird ein Transportsystem eingerichtet. Zusätzlich hilft MSF auch, entnommene Proben in ein Labor zu transportieren, damit Verdachtsfälle möglichst schnell bestätigt werden können. Schliesslich soll mit Aufklärungsarbeit die Bevölkerung auf Diphtherie aufmerksam gemacht werden. 

«Wir waren in Häusern, in denen sechs oder mehr Menschen auf engstem Platz leben. Unter solchen Umständen ist es unmöglich, Verdachtsfälle zu isolieren, und die Krankheit kann sich ungehindert ausbreiten», betont Poncin. «Um den Diphtherie-Ausbruch aufzuhalten, ist es entscheidend, dass Erkrankte behandelt und isoliert werden. In betroffenen Dörfern braucht es Präventivmassnahmen und die Menschen müssen für die Krankheit sensibilisiert werden. Das Gesundheitssystem des Jemen verkraftet keinen weiteren Krankheitsausbruch.»

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