11.01.2017 - Irak

Irak: MSF hilft traumatisierten Menschen aus Mosul

Die jüngste Militäroffensive zur Rückeroberung Mosuls hat Menschen, die bereits Traumatisches erlebt hatten, zur Flucht aus der Stadt und den umliegenden Dörfern gezwungen.
Erbil, Irak, 30.10.2016
Der Psychologe Mahmoud Habeb spricht mit einer Patientin. Er wird von Bilal Budair begleitet, der in Erbil für die psychologische Betreuung von MSF zuständig ist.

«Sie erlebten zwei Jahre lang die Besetzung ihrer Stadt oder ihrer Dörfer durch den Islamischen Staat (IS), mussten Luftangriffe und Kämpfe zwischen irakischen Truppen und dem IS ertragen. Und nun mussten sie überstürzt fliehen, ohne etwas mitnehmen zu können, und landeten in einem Vertriebenenlager», beschreibt Bilal Budair die Lage. Er ist verantwortlich für die psychologische Hilfe von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Erbil.

Etwa 30‘000 Menschen leben in den Lagern in Hassanscham und Chaser, 35 Kilometer östlich von Mosul. Unsere psychologischen Teams behandeln etwa 45 Patienten pro Tag. Die Teams, bestehend aus einem Psychiater, einem Psychologen und einem Sozialarbeiter, haben schon 2013 mit syrischen Flüchtlingen im Nordirak gearbeitet. 2014 begannen sie, Menschen zu helfen, die aus Mosul fliehen mussten, als der IS die Region einnahm. Im vergangenen Jahr, als die Zahl der Vertriebenen im Bundesstaat Ninewa stark stieg und nachdem Mitte Oktober die Kämpfe um Mosul begannen, kamen viele Patienten mit immer schwerwiegenderen psychischen Problemen.

Menschen wurden Zeugen von unfassbarer Gewalt

Seit November geht es den Menschen, die uns aufsuchen, zunehmend schlechter. Viele erzählen uns, wie sie öffentliche Exekutionen auf dem Marktplatz mit ansehen mussten, und wie die Leichen von Ermordeten tagelang an Brücken am Fluss aufgehängt waren. Sie berichten von Steinigungen, Enthauptungen, Folter und körperlichen Züchtigungen – unfassbare Gewalt, die viele Menschen stark traumatisiert hat.

Die Berichte der Patienten schockieren unsere Psychiater, viele Geschichten sind an der Grenze des Vorstellbaren. Wie jene des Vaters, der sein eigenes Kind töten musste, weil er ein Schimpfwort benutzt hatte. Die Psychiater haben auch viele Patienten, die vorher nie daran gedacht hätten, sich in Behandlung zu begeben.

In den vergangenen Monaten wurden viele der Vertriebenen Zeugen davon, wie in ihren Dörfern und Vierteln gekämpft wurde. Sie mussten mit ansehen, wie Freunde oder Verwandte starben. Eine Frau kam mit ihrem 10-jährigen Sohn zu uns. Sie sahen die Leiche eines kleinen Mädchens, das bei einem Mörsergranaten-Angriff getötet worden war. Der Sohn war mit ihr befreundet gewesen. Viele Vertriebene sind aus Mosul und den umliegenden Dörfern geflohen, um Schutz in den Lagern zu suchen. Aber sie leben weiterhin in Sorge, wieder der Gewalt des Islamischen Staats ausgesetzt zu werden.

Sofortige psychologische Unterstützung ist entscheidend

Unser psychologisches Team in den Lagern von Hassanscham und Chaser kümmert sich um Patienten, die unter starken Depressionen, Angstzuständen, akuten Stressreaktionen oder posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Dazu kommen Patienten, die schon vorher an chronischen Krankheiten wie Epilepsie und Psychosen litten und deren Behandlung wieder aufgegriffen werden muss. Ausserdem bekommt unser Team von anderen Hilfsorganisationen Patienten überwiesen, die in ihrem täglichen Leben wegen Schlafstörungen oder anderen Beschwerden beeinträchtigt sind.

«Wir behandeln alle Fälle, egal ob moderate oder schwere», sagt Bilal Budair. «MSF ist die einzige Hilfsorganisation, die schwere Fälle behandelt und gleichzeitig auch psychiatrische Hilfe bietet. Wir sind da, um die Menschen zu unterstützen und um solche ausfindig zu machen, die unsere Hilfe am meisten benötigen. Wir helfen den Menschen, sich an diese schwierige Lage anzupassen.» Einem Mann etwa, der nun im Lager Khazer 1 lebt, wurden all seine Geschäfte in Mosul zerstört. Er erzählt: «Ich schaffte es einfach nicht, in das Zelt zu gehen. Ich weinte. Ich wollte, sie kämen und töteten mich und meine ganze Familie. Hier ist es wie im Gefängnis. Ich habe 20 Jahre dafür gebraucht, mir mein Zuhause aufzubauen. Jetzt ist alles weg. Ich habe nichts mehr. Nicht einen einzigen Dinar.»

Nach mehreren Wochen beginnen die meisten Vertriebenen, sich an das Leben in den Lagern zu gewöhnen. Andere jedoch entwickeln lang anhaltende psychische Probleme. Sie denken, ihr Leben sei zu Ende, und sie wollen bloss sterben. Die sofortige Unterstützung durch Psychologen und Psychiater ist deshalb entscheidend.

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