24.07.2017 - Irak

Irak: «Die meisten Kinder, die an Mangelernährung leiden, sind jünger als ein Jahr»

In der Klinik in Qayyarah im Süden von Mossul hat MSF seit März über 450 Kinder wegen Mangelernährung behandelt. MSF-Landeskoordinator Manuel Lannaud erklärt, warum vor allem Säuglinge von Mangelernährung betroffen sind und wie sie behandelt werden.
Klinik von Qayyarah, Irak, 28.05.2017
Mangelernährung in der Klinik von Qayyarah: Die meisten Kinder sind jünger als ein Jahr, und mehr als die Hälfte ist nicht einmal sechs Monate alt.

Warum stockt MSF die Anzahl von Betten auf?

Seit März behandeln wir in unserem Spital in Qayyarah schwer mangelernährte Kinder. Die meisten sind jünger als ein Jahr, und mehr als die Hälfte ist noch nicht einmal sechs Monate alt. Einige Mütter kommen direkt aus Mossul, die meisten leben in Lagern. In den vergangenen Wochen ist die Zahl mangelernährter Kinder, die einer Behandlung bedürfen, deutlich gestiegen. Wir haben oft eine Bettenbelegung von 200 Prozent und mehr. Deshalb sind wir gerade dabei, eine neue Station mit 30 Betten zu eröffnen, wo wir Kinder behandeln können, die an schwerer Mangelernährung leiden. Ab Juli werden dort Mütter und Kinder untergebracht, die derzeit in einem 12-Betten-Zelt versorgt werden müssen.

Warum kommt es vermehrt zu Mangelernährung in der Region um Mossul?

Mangelernährung tritt hier vor allem deshalb auf, weil zu wenig Säuglingsnahrung verfügbar ist. Im vormals belagerten Teil von Mossul leiden zwar auch Erwachsene unter der Lebensmittelknappheit – und tatsächlich kommen viele extrem untergewichtige Menschen in die Lager. Die Erwachsenen nehmen aber rasch wieder zu, nachdem sie die Stadt verlassen haben. Bei den Babys ist das anders. Viele irakische Mütter stillen nicht, und diejenigen, die es tun, hören in der Regel schon nach zwei oder drei Monaten damit auf. Durch die prekären Lebensbedingungen, durch Stress und Erschöpfung wird das Stillen erschwert.

Es gibt auch eine politische Hürde. Internationale Organisationen wie das Kinderhilfswerk UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO werben für das Stillen – nicht nur im Irak. Säuglingsnahrung stellen sie nur auf Rezept zur Verfügung. Wir glauben, dass wir Spitalaufenthalte von Kindern wegen Mangelernährung in einer Konfliktsituation wie im Irak nur vermeiden können, wenn wir Säuglingsnahrung verteilen. Darum stellt MSF Säuglingsnahrung nach der Entlassung der Kinder aus dem Spital für ihre anschliessende Versorgung zur Verfügung. Wir ermutigen Mütter auch zum Stillen und klären sie darüber auf, wie wichtig es ist. Aber wenn sie Babynahrung brauchen, geben wir sie ihnen. Ausserdem müssen wir sicherstellen, dass die Wasserqualität in den Lagern den Standards entspricht. Wir machen die Mütter darauf aufmerksam, dass bei verunreinigtem Wasser besondere Vorsicht geboten ist.

Wie behandelt man Mangelernährung?

Die Kinder, die im Spital behandelt werden müssen, stehen unter intensiver medizinischer Beobachtung. Noch immer ist die Zahl von Fällen, in denen Kinder wiederholt zu uns kommen, vergleichsweise hoch. Oft wollen die Mütter das Ernährungszentrum so schnell wie möglich verlassen, um sich um ihre übrigen Kinder kümmern zu können. Zur Behandlung von Mangelernährung braucht man aber Zeit, manchmal bis zu drei Wochen. Einige Mütter handeln anders als wir es uns aus medizinischer Sicht wünschen würden. Oft ist es dann für sie schwierig, erneut ins Spital zu kommen, zum Beispiel weil die Anreise problematisch ist.

Anfang Juli starten wir in einem der Lager ein präventives Ernährungsprogramm, in dem wir Mütter bei der Ernährung von Neugeborenen unterstützen und Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Um Mangelernährung in dieser Region in den Griff zu bekommen und künftig zu vermeiden, müssen weitere humanitäre Hilfsorganisationen in ähnlicher Weise aktiv werden. 

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