28.02.2017 - Eritrea

«Dying to reach Europe»

Ein Bericht über die verzweifelte Reise von Eritreern auf der Suche nach Sicherheit
Gharyan, Libyen, 22.04.2017
Ein eritreischer Migrant in seiner Zelle im Internierungslager von Gharyan in Libyen.

MSF zeigt in einem neu veröffentlichten Bericht die verheerenden Folgen der restriktiven EU-Migrationspolitik für Tausende Flüchtlinge aus Eritrea auf. Darin wird das Ausmass der Gefahren ersichtlich, denen Eritreer wegen fehlender Fluchtalternativen auf dem Weg durch die Wüste und über das Mittelmeer ausgesetzt sind.

Der Bericht «Dying to reach Europe: Eritreans in search of safety» basiert auf Erfahrungsberichten von Flüchtlingen aus dem stark militarisierten ostafrikanischen Land, in dem jahrzehntelanger militärischer Zwangsdienst und fehlende Freiheit zur Normalität gehören. Deserteure werden verhaftet, eingesperrt und riskieren Folter und Tod.

«Neun von zehn Eritreern, die es nach Europa schaffen, wird Schutz gewährt. Die europäischen Regierungen erkennen fast alle Asylgesuche von Eritreern an, hindern sie jedoch daran, diese überhaupt zu stellen, indem sie sie von den europäischen Küsten fernhalten», sagt Arjan Hehenkamp, Geschäftsführer von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Physische und psychische Wunden

Die MSF-Teams werden täglich Zeugen der erschütternden medizinischen und humanitären Folgen eines immer restriktiveren Umgangs mit Flüchtenden. MSF-Teams, die Eritreern in Äthiopien, Libyen und auf dem Mittelmeer helfen, sind mit den Anzeichen schwerer psychischer Erkrankungen konfrontiert, die mit dem Erlebten einhergehen.

Sie sehen die Hoffnungslosigkeit in äthiopischen Flüchtlingslagern, wo die Menschen zum Überleben vollkommen auf Hilfe von aussen angewiesen sind. Im Sudan erhalten die Geflüchteten keinen Schutz und zu wenig Hilfe. Sie laufen sogar Gefahr, eingesperrt und in ihr Heimatland ausgeschafft zu werden. Viele sehen daher keinen anderen Ausweg, als die Flucht fortzusetzen, das Risiko von physischer, psychischer und sexueller Gewalt in den libyschen Internierungs- und Abschiebelagern auf sich zu nehmen und die gefährliche Reise über das Mittelmeer zu wagen, um in Europa Sicherheit und Freiheit zu finden.

2015 kamen 39'162 Flüchtlinge aus Eritrea nach Italien

2015 überquerten 39'162 Flüchtlinge aus Eritrea, darunter Frauen, Männer und Kinder, das Mittelmeer – womit Eritrea das Land ist, aus dem die meisten Menschen kommen, die die Flucht über das Mittelmeer wagen. 2016 stellten sie mit 20’178 Flüchtlingen die zweitgrösste Flüchtlingsgruppe, die es in überladenen Schlauchboten und Fischkuttern nach Europa schafften.

Anstatt sichere und legale Wege für diejenigen zu schaffen, die internationalen Schutz suchen, arbeitet die EU verstärkt mit Eritrea, Libyen, dem Sudan und Äthiopien zusammen, um Eritreer daran zu hindern, das Land zu verlassen und durch Transitländer nach Europa zu gelangen. Der Versuch der EU, durch die Stärkung von Grenzen und die Unterstützung von Haftanstalten ausserhalb Europas Migration aufzuhalten, lässt den Menschen keine andere Wahl, als Schlepper zu bezahlen, um Checkpoints zu passieren, Grenzen und Zäune zu überqueren, Gefängnisse zu verlassen und Boote auf dem Mittelmeer zu besteigen.

Migrationspolitik sollte Menschen nicht dazu zwingen, sich in Gefahr zu bringen

Alle Eritreer, die von den MSF-Teams an Bord der Rettungsschiffe im Mittelmeer befragt wurden, haben während ihrer Flucht selbst schwere Gewalt, einschliesslich Folter, erlebt oder mussten mitansehen, wie anderen Gewalt zugefügt wurde. Alle Befragten gaben an, dass sie auf ihrem Weg in irgendeiner Form gefangen gehalten wurden. Mehr als die Hälfte der Befragten hat Mitreisende sterben sehen – meist infolge von Gewalt. Jede von MSF befragte eritreische Frau ist entweder selbst Opfer sexueller Gewalt geworden, einschliesslich Vergewaltigung, oder kennt andere, die sexuelle Gewalt erfahren mussten.

«Die EU, ihre Mitgliedstaaten und andere Regierungen müssen Menschen aus Eritrea – ebenso wie allen anderen, die vor Konflikten und Verfolgung fliehen – unbedingt die Möglichkeit geben, Schutz und Sicherheit zu finden. Grenzkontrollen sollten nicht an Länder übertragen werden, die ihre Bürger nicht hinreichend schützen können. Finanzielle Hilfeleistungen dürfen nicht davon abhängig gemacht werden, dass Länder Migration verhindern. Menschen, die Schutz suchen, dürfen nicht sich selbst überlassen oder an unsicheren Orten gefangen gehalten werden, so dass ihnen nichts anderes bleibt, als ihr Leben auf einer gefährlichen Reise zu riskieren. Inhaftierung ist keine Lösung. Migrationspolitik sollte Menschen niemals festhalten oder Gefahren aussetzen. Erschreckenderweise tut die gegenwärtige EU-Politik aber genau das», so Arjan Hehenkamp.

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